Was sehen wir?
von Johanna Wehner
Y: Waren SIE das?
X: Was?
Y: Ob Sie das waren?
X: Was, war ich?
Y: Na das hier, waren Sie das?
X: Ich? Wer? Ich?
Y: Na SIE, Sie, Sie waren das doch!
X: Was wollen Sie denn von mir?
Y: Sie waren das doch hier mit dem, dem… Oder? Das waren doch Sie. Oder?
X: Ich, ich… wer sind Sie denn? Was wollen Sie denn, was wollen Sie von mir?
Y: Ich suche hier die Verantwortlichen. Sind Sie hier verantwortlich?
X: Ich, ich…ach…
Y: Hallo?! Ich habe Sie etwas gefragt!
X: Was? Was?
Y: Ich fragte Sie, ob Sie das hier zu verantworten haben. Irgendwer muss doch hier die Verantwort – also, irgendjemand ist doch hier dafür verantwort – irgend, also, IRGENDJEMAND ist doch daran, daran ist doch irgendwer, wer ist denn daran, oder anders: wer ist denn hierfür, oder anders: wer hat uns denn diesen Schlamassel eingebrockt, das waren doch Sie, oder? Sie sind doch HIERFÜR verantwortlich, das sind doch Sie, oder?
X: Also, ich muss Ihnen leider sagen, ich weiß von nichts. Von gar nichts.
Y: Das war nicht meine Frage.
X: Was?
Y: Es war nicht meine Frage, ob Sie von irgendetwas wissen, sondern -
X: Wie?
Y: Meine Frage war, ob Sie hier verantwortlich sind? Na? Na?
X: Ich meinte, wenn ich schon von nichts weiß, nicht weiß, worum es hier überhaupt geht, oder was Sie meinen, dann kann ich wohl kaum „dafür“ verantwortlich sein, oder? Was meinen Sie überhaupt mit „Demhier“, für was soll denn hier irgendjemand, oder sogar ich – bin ich nicht – aber wofür soll ich denn verantwortlich sein?
Y: Na sehen Sie, jetzt geben Sie es zu?!
X: Was denn? Nein, nein, ich gebe hier überhaupt nichts zu, ich habe nur gefragt, wofür hier irgendjemand verantwortlich sein soll, wofür Sie mich hier beschuldigen –
Y: Ja, genau, jetzt geben Sie es zu!
X: Nein, ich habe nur gefragt –
Y: Also dass es passiert ist, das immerhin geben Sie zu, und dann ist doch auch naheliegend, dass Sie dafür verantwortlich sind.
X: Nein, ist es nicht. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Gar nichts.
Y: Sie sind sich ja verdammt sicher.
X: Ja, allerdings.
Y: Ja.
X: Ja, denn das Wissen um etwas, also, darüber informiert zu sein oder eingeweiht, beziehungsweise eben nicht, so wie ich, NICHT informiert oder eingeweiht zu sein, führt logischerweise dazu, dass ich dafür, worüber ich nicht Bescheid weiß oder informiert bin, nicht verantwortlich sein KANN. Geht ja gar nicht.
Y: Manch einer würde Sie um Ihre Sicherheit beneiden.
X: Tja.
Y: Hm. Dann haben Sie bestimmt auch den Gorilla nicht gesehen?
X: Den Go… den Gorilla? Welchen… Gorilla?
Y: Nein nein, wenn Sie den nicht gesehen haben, dann –
X: Ich habe keinen Gorilla gesehen. Einen GORILLA!! Den hätte ich gesehen, nein, nein, also einen Gorilla, den hätte ich jawohl gesehen. Was für ein Gorilla? Nein, nein.
Y: Da, schon wieder!
X: Was „schon wieder“?
Y: Na, Sie haben den Gorilla doch gar nicht gesehen! Dann können SIE doch am allerwenigsten beurteilen, ob er da war oder nicht.
X: Na gut. Was war denn mit diesem „Gorilla“?
Y: Hier stand doch eben dieses laute Pärchen. Hier direkt vor dem Pater Noster.
X: Ja. Und? Ich würde übrigens auch ganz gern demnächst endlich einstei –
Y: Die Frau sagte, komm, wir steigen ganz schnell in die ganz unterste. Also, Kabine. Oder?
X: Ja. Ja.
Y: Und dann stieg der Mann auf der linken Seite in die unterste Kabine ein, in die unterste der herauffahrenden Kabinen.
X: Ja.
Y: Und die Frau stieg auf der rechten Seite ein, in die unterste der gerade herunterfahrenden Kabinen.
X: Ja, na und?
Y: Nebenbei: Was hätten Sie gemacht?
X: Wie, wobei?
Y: Wenn zu Ihnen jemand sagte, „Komm, wir steigen ganz schnell in die ganz unterste.“, also, Kabine, welche wäre für Sie „die unterste“?
X: Was?
Y: Na, „die unterste Kabine“ von wo aus, die unterste der Herauffahrenden, oder die unterste der Herunterkommenden?
X: Ich… ich weiß nicht, hab ich noch nie drüber nachgedacht… Ich würde die nehmen, die eher am Ziel ist.
Y: Aha. Ich würde immer die nehmen, womit ich am längsten fahren kann.
X: Aha. Schön für Sie. Moment, und was war mit dem Gorilla?
Y: Neben dem Pärchen hat ein Mann, ein Wärter vielleicht, einen Gorilla an der Hand durch die Lobby und dann diese Tür da geführt.
X: Warum sollte ein Wärter hier HIER – das wäre doch gar nicht, das ginge doch gar nicht, ein großes und womöglich gar nicht ungefährliches Tier wie einen Gorilla hier durch so ein öffentliches – und überhaupt: welche Tür?
Y: Die rote da.
X: Ach. Hab ich gar nicht gesehen.
Y: Na, wenn Sie die Tür nicht gesehen haben, dann haben Sie natürlich auch den Gorilla nicht gesehen. Dann wissen Sie ja wirklich GAR nicht, worum es hier geht.
X: Sehen Sie. Das sage ich doch die ganze Zeit.
Y: Nein.
X: Hä?
Y: Die ganze Zeit nicht.
X: Wie?
Y: Die meiste Zeit haben Sie behauptet, hier nicht verantwortlich zu sein. Für Dashier.
X: Oh Gott.
Y: Na, ob der Ihnen hilft. Ich glaube nämlich, Sie stecken ziemlich tief drin!
X: WO drin?
Y: In dem Schlamassel! Den Sie uns hier allen, UNS ALLEN eingebrockt haben!!
X: Hören Sie. Ein für allemal: Offenbar haben Sie sich in den Kopf gesetzt oder oder haben irgendein Interesse daran, mich hier für irgendetwas zu beschuldigen. Aber ich versichere Ihnen, bei mir sind Sie da falsch, es gibt bei mir nichts, aber auch rein gar nichts zu finden oder aufzudecken, nichts Verdächtiges, nichts Schuldhaftes, ja nicht einmal etwas Interessantes oder überhaupt auch nur Erwähnenswertes, sehen Sie, ich habe weder „damit“ – was immer Sie mit „damit“ meinen – noch mit IRGENDETWAS was zu tun. Ich bin an allem, an ALLEM völlig VÖLLIG unbeteiligt, nicht involviert, spiele keine Rolle in oder für irgendetwas, habe keine Agenda, kein Partikularinteresse, keine Aktien in irgendwas, was irgendwen oder irgendwas außerhalb mir selbst angehen, beschädigen, unterlaufen, ja überhaupt auch nur beschäftigen könnte, ich betreibe hier nichts und will auf nichts hinaus, bin nicht Teil von Dem-und-dem, aktiv für Das-und-das, tätig in Diesem-und-jenem, ich bin nur hier, ich, für mich, kurz, ich steh hier wirklich einfach nur so rum.
Y: Na sehen Sie.
Johanna Wehner inszeniert »Der Prozeß« von Franz Kafka in einer von ihr entwickelten Bühnenfassung. Premiere ist am 16. Januar 2027 im Schauspielhaus.
X: Was?
Y: Ob Sie das waren?
X: Was, war ich?
Y: Na das hier, waren Sie das?
X: Ich? Wer? Ich?
Y: Na SIE, Sie, Sie waren das doch!
X: Was wollen Sie denn von mir?
Y: Sie waren das doch hier mit dem, dem… Oder? Das waren doch Sie. Oder?
X: Ich, ich… wer sind Sie denn? Was wollen Sie denn, was wollen Sie von mir?
Y: Ich suche hier die Verantwortlichen. Sind Sie hier verantwortlich?
X: Ich, ich…ach…
Y: Hallo?! Ich habe Sie etwas gefragt!
X: Was? Was?
Y: Ich fragte Sie, ob Sie das hier zu verantworten haben. Irgendwer muss doch hier die Verantwort – also, irgendjemand ist doch hier dafür verantwort – irgend, also, IRGENDJEMAND ist doch daran, daran ist doch irgendwer, wer ist denn daran, oder anders: wer ist denn hierfür, oder anders: wer hat uns denn diesen Schlamassel eingebrockt, das waren doch Sie, oder? Sie sind doch HIERFÜR verantwortlich, das sind doch Sie, oder?
X: Also, ich muss Ihnen leider sagen, ich weiß von nichts. Von gar nichts.
Y: Das war nicht meine Frage.
X: Was?
Y: Es war nicht meine Frage, ob Sie von irgendetwas wissen, sondern -
X: Wie?
Y: Meine Frage war, ob Sie hier verantwortlich sind? Na? Na?
X: Ich meinte, wenn ich schon von nichts weiß, nicht weiß, worum es hier überhaupt geht, oder was Sie meinen, dann kann ich wohl kaum „dafür“ verantwortlich sein, oder? Was meinen Sie überhaupt mit „Demhier“, für was soll denn hier irgendjemand, oder sogar ich – bin ich nicht – aber wofür soll ich denn verantwortlich sein?
Y: Na sehen Sie, jetzt geben Sie es zu?!
X: Was denn? Nein, nein, ich gebe hier überhaupt nichts zu, ich habe nur gefragt, wofür hier irgendjemand verantwortlich sein soll, wofür Sie mich hier beschuldigen –
Y: Ja, genau, jetzt geben Sie es zu!
X: Nein, ich habe nur gefragt –
Y: Also dass es passiert ist, das immerhin geben Sie zu, und dann ist doch auch naheliegend, dass Sie dafür verantwortlich sind.
X: Nein, ist es nicht. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Gar nichts.
Y: Sie sind sich ja verdammt sicher.
X: Ja, allerdings.
Y: Ja.
X: Ja, denn das Wissen um etwas, also, darüber informiert zu sein oder eingeweiht, beziehungsweise eben nicht, so wie ich, NICHT informiert oder eingeweiht zu sein, führt logischerweise dazu, dass ich dafür, worüber ich nicht Bescheid weiß oder informiert bin, nicht verantwortlich sein KANN. Geht ja gar nicht.
Y: Manch einer würde Sie um Ihre Sicherheit beneiden.
X: Tja.
Y: Hm. Dann haben Sie bestimmt auch den Gorilla nicht gesehen?
X: Den Go… den Gorilla? Welchen… Gorilla?
Y: Nein nein, wenn Sie den nicht gesehen haben, dann –
X: Ich habe keinen Gorilla gesehen. Einen GORILLA!! Den hätte ich gesehen, nein, nein, also einen Gorilla, den hätte ich jawohl gesehen. Was für ein Gorilla? Nein, nein.
Y: Da, schon wieder!
X: Was „schon wieder“?
Y: Na, Sie haben den Gorilla doch gar nicht gesehen! Dann können SIE doch am allerwenigsten beurteilen, ob er da war oder nicht.
X: Na gut. Was war denn mit diesem „Gorilla“?
Y: Hier stand doch eben dieses laute Pärchen. Hier direkt vor dem Pater Noster.
X: Ja. Und? Ich würde übrigens auch ganz gern demnächst endlich einstei –
Y: Die Frau sagte, komm, wir steigen ganz schnell in die ganz unterste. Also, Kabine. Oder?
X: Ja. Ja.
Y: Und dann stieg der Mann auf der linken Seite in die unterste Kabine ein, in die unterste der herauffahrenden Kabinen.
X: Ja.
Y: Und die Frau stieg auf der rechten Seite ein, in die unterste der gerade herunterfahrenden Kabinen.
X: Ja, na und?
Y: Nebenbei: Was hätten Sie gemacht?
X: Wie, wobei?
Y: Wenn zu Ihnen jemand sagte, „Komm, wir steigen ganz schnell in die ganz unterste.“, also, Kabine, welche wäre für Sie „die unterste“?
X: Was?
Y: Na, „die unterste Kabine“ von wo aus, die unterste der Herauffahrenden, oder die unterste der Herunterkommenden?
X: Ich… ich weiß nicht, hab ich noch nie drüber nachgedacht… Ich würde die nehmen, die eher am Ziel ist.
Y: Aha. Ich würde immer die nehmen, womit ich am längsten fahren kann.
X: Aha. Schön für Sie. Moment, und was war mit dem Gorilla?
Y: Neben dem Pärchen hat ein Mann, ein Wärter vielleicht, einen Gorilla an der Hand durch die Lobby und dann diese Tür da geführt.
X: Warum sollte ein Wärter hier HIER – das wäre doch gar nicht, das ginge doch gar nicht, ein großes und womöglich gar nicht ungefährliches Tier wie einen Gorilla hier durch so ein öffentliches – und überhaupt: welche Tür?
Y: Die rote da.
X: Ach. Hab ich gar nicht gesehen.
Y: Na, wenn Sie die Tür nicht gesehen haben, dann haben Sie natürlich auch den Gorilla nicht gesehen. Dann wissen Sie ja wirklich GAR nicht, worum es hier geht.
X: Sehen Sie. Das sage ich doch die ganze Zeit.
Y: Nein.
X: Hä?
Y: Die ganze Zeit nicht.
X: Wie?
Y: Die meiste Zeit haben Sie behauptet, hier nicht verantwortlich zu sein. Für Dashier.
X: Oh Gott.
Y: Na, ob der Ihnen hilft. Ich glaube nämlich, Sie stecken ziemlich tief drin!
X: WO drin?
Y: In dem Schlamassel! Den Sie uns hier allen, UNS ALLEN eingebrockt haben!!
X: Hören Sie. Ein für allemal: Offenbar haben Sie sich in den Kopf gesetzt oder oder haben irgendein Interesse daran, mich hier für irgendetwas zu beschuldigen. Aber ich versichere Ihnen, bei mir sind Sie da falsch, es gibt bei mir nichts, aber auch rein gar nichts zu finden oder aufzudecken, nichts Verdächtiges, nichts Schuldhaftes, ja nicht einmal etwas Interessantes oder überhaupt auch nur Erwähnenswertes, sehen Sie, ich habe weder „damit“ – was immer Sie mit „damit“ meinen – noch mit IRGENDETWAS was zu tun. Ich bin an allem, an ALLEM völlig VÖLLIG unbeteiligt, nicht involviert, spiele keine Rolle in oder für irgendetwas, habe keine Agenda, kein Partikularinteresse, keine Aktien in irgendwas, was irgendwen oder irgendwas außerhalb mir selbst angehen, beschädigen, unterlaufen, ja überhaupt auch nur beschäftigen könnte, ich betreibe hier nichts und will auf nichts hinaus, bin nicht Teil von Dem-und-dem, aktiv für Das-und-das, tätig in Diesem-und-jenem, ich bin nur hier, ich, für mich, kurz, ich steh hier wirklich einfach nur so rum.
Y: Na sehen Sie.
Johanna Wehner inszeniert »Der Prozeß« von Franz Kafka in einer von ihr entwickelten Bühnenfassung. Premiere ist am 16. Januar 2027 im Schauspielhaus.