Ein Brief an Mikal
von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel
Lieber Mikal,
es wird wohl mehrere Jahre dauern, bis Du diesen Brief lesen kannst. Vor einem Jahr hast Du das Licht dieser Welt erblickt und jetzt interessierst Du dich eigentlich hauptsächlich für Bälle und Schaukeln. Stück für Stück entdeckst Du die Welt für Dich, lächelst bekannte und unbekannte Gesichter an, probierst aus, wo die Grenzen sind: wo die Treppe ist und der Sturz bevorsteht oder der Ventilator zu einem Klettergerüst wird und jede Sekunde auf Dich fallen kann.
Es gibt aber noch Grenzen, die Du nicht kennst. Die befinden sich vor allem in den Köpfen der Menschen. Sie fragen uns, was Du bist: muslimisch oder jüdisch? Deutsch oder israelisch? Oder gar pakistanisch? Das begann schon in deiner ersten Woche auf der Welt. Gleich bei der Beantragung der Geburtsurkunde wurden wir im Amt freundlich darauf hingewiesen, dass eine doppelte Religionszugehörigkeit - jüdisch und muslimisch - nicht gestattet ist. Wir kamen mit unseren besten Argumenten nicht weiter. Nur jüdisch oder muslimisch anzugeben, kam für uns allerdings nicht in Frage. Nach kurzer Beratung im Flur kamen wir mit einem neuen Vorschlag: Wie wäre es mit »divers« als Religionszugehörigkeit? Mit neuerlichem Kopfschütteln wurde unser progressiver Einwurf niedergeschmettert. Letztlich mussten wir Dich als »konfessionslos« eintragen lassen. Ja, die Erwachsenenwelt ist schon komisch. Alles muss eindeutig kategorisiert und benannt werden. Ich hoffe, Du siehst uns das nach, denn diese Eindeutigkeit entspricht nicht der Realität, in der Du aufwächst.
Nicht nur der Staat wird versuchen, Dich in eine Schublade zu stecken. Auch unsere eigenen Communities tun sich schwer mit Mehrdeutigkeit. Orthodoxe Juden werden Dir sagen, dass Du nicht jüdisch bist, weil das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, festlegt, dass das Jüdischsein über die Mutter weitergegeben wird. Konservative Muslime werden Dir dein Muslimsein absprechen, denn das islamische Gesetz regelt wiederum, dass das Muslimsein allein vom Vater weitergegeben wird. Nun, im umgekehrten Fall – also wäre dein Vater muslimisch und Deine Mutter jüdisch – hätten es die Communities wahrscheinlich einfacher. Lieber ein Doppelpass statt staatenlos, sozusagen.
Du sollst wissen, es ist nicht überall auf der Welt so. Vielleicht werden mal einen Familienurlaub auf die Insel Sumatra in Indonesien machen. Dort lebt eine muslimische Community, in der ähnlich wie im Judentum das Prinzip der Matrilinearität gilt. Die Minangkabau-Community gilt als die größte matriarchale Gesellschaft der Welt. Nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern auch das Eigentum und sogar der Thron in der Königsfamilie wird über die Linie der Frau weitervererbt. Diese Abweichung vom traditionellen Islam ist Fundamentalisten natürlich ein Dorn im Auge – so wird die Community auch von Salafisten auf der Insel häufig angefeindet. Auch die Festlegung des Judentums auf die mütterliche Erbfolge kann infrage gestellt werden. Dafür müssen wir allerdings eine Zeitreise machen: bis etwa 200 n.Chr. galt im Judentum das patrilineare Prinzip.
Wenn es theoretisch und praktisch auch anders funktionieren kann, warum öffnen sich nicht die Religionsgemeinden? Die liberalen Strömungen machen es schon vor. Sie erkennen Vaterjuden und Muttermuslime an. Trotzdem empfehlen sie, sich für eine Religion in der Kindererziehung zu entscheiden – während die andere nur »respektiert« werden soll. Aber: nach welchen Kriterien sollten wir entscheiden, was Du bist? Schicken wir Deine Großeltern in einen Ring? Werfen wir eine Münze? Begeben wir uns in eine endlose theologische Debatte, ob im Himmel ein Jehova oder Allah ist? Uns ist auch der »Respekt« der anderen Religion gegenüber zu wenig. Es geht uns um ein gleichberechtigtes Ausleben unserer beiden Traditionen und Kulturen. Und warum eigentlich nicht? Wieso kann in Zeiten, in denen der Staat neben männlich und weiblich diverse Geschlechtsidentititäten anerkennt, nicht auch die religiöse Identität divers sein? Viele denken, dass Identitäten nach dem ODER-Prinzip funktionieren: schwarz oder weiß, Deutsch oder Migrant, Frau oder Mann. Warum kann Identität nicht nach einem UND-Prinzip funktionieren? Wir sind Migranten und Deutsche und gläubig und säkular und Fahrradfahrer – alles zugleich. Dein Vorname ist arabisch, dein Nachname jüdisch. Die Spotify-Playlist, die wir in deinem ersten Lebensjahr hoch und runter gehört haben, besteht aus Songs auf Hebräisch, Arabisch und Urdu – von zionistischen Kinderliedern aus den 1920ern bis zu Koranversen, die Gott lobpreisen. In unserer Umgebung wurde vor Identitätskrisen gewarnt, wenn dem Kind nicht von Anbeginn eine klare religiöse Identität vermittelt wird. Andererseits wollen wir nicht, dass du in einem Religions-Disneyland aufwächst - mit einem Weihnachtsbaum, tibetischer Gebetsfahne und Ojibwa-Traumfänger. Vor Deiner Geburt fragte uns eine Freundin ernsthaft, ob wir einen Weihnachtsbaum mit Halbmond und Davidsstern-Deko im Wohnzimmer aufstellen. Ob es uns gelingt, dass Uneindeutigkeit nicht zur Beliebigkeit wird, wirst Du uns zeigen. Du wirst derjenige sein, der am Ende beurteilen kann, ob wir Dir zu viel zugemutet haben. Aber wie falsch kann es sein, ein Kind in dem Wissen zu erziehen, dass es mehr als eine richtige Religion gibt? Es ist doch immer so, dass Kinder ausbaden, was sich Eltern überlegt haben.
Widersprüche gehören zum menschlichen Wesen, und in der postmigrantischen Gesellschaft werden sie eher häufiger. Du wirst Dich nicht erinnern, aber in Deinem ersten Lebensjahr fielen Pessach und Ramadan auf dieselbe Zeit. Dann gab es Mazze zum Ramadan-Fastenbrechen. Und an Deinem ersten Chanukka, gab es die frittierten Teigbällchen mit Zuckersirup Gulab Jamun – unsere Sorge war hier nicht die interreligiöse Zusammensetzung, sondern der übermäßige Zuckergehalt.
Es wird für Dich kompliziert. Jüdisch-muslimisch zu sein, ist nicht nur ein Problem aus theologischer Sicht. Es ist allgemein bekannt, dass Juden und Muslime – global gesprochen – nicht die besten Freunde sind. Früher oder später wirst Du feststellen, dass beide zueinander Vorurteile hegen: die einen sind rückständig und im Zweifel Terroristen, die anderen gelten als reich und Drahtzieher hinter allem Übel in der Welt. In einer Umfrage gaben fast die Hälfte der befragten Juden an, Muslimen gegenüber misstrauisch zu sein, fast zwei Drittel empfinden Muslime als bedrohlich und ein Drittel hätten ungern Muslime als Nachbarn. Auch umgekehrt ist das Bild von Juden unter Muslimen nicht besser. So glauben 57 Prozent der Muslime daran, dass Juden zu viel Macht im internationalen Finanzwesen hätten. Fast 40 Prozent machen Juden für alle Kriege auf der Welt verantwortlich. Und warte mal, wenn es mal wieder zwischen Israelis und Palästinensern kracht. Spätestens dann werden auch Dir die tiefen Gräben zwischen unseren beiden Communities deutlich.
Was Du dir heute bestimmt nicht mehr vorstellen kannst: deine Großeltern auf beiden Seiten waren alles andere als begeistert, dass wir zueinander gefunden haben. Denn Muslime und Juden sind sich in einer Sache relativ einig: den Anderen wollen wir nicht in unserer Familie. Diese Vorstellung lehnen etwa dreiviertel der Juden und nahezu zwei Drittel der religiösen Muslime in den bereits erwähnten Studien ab. Daher mag es nicht überraschen, dass es uns viel Überwindung kostete, den Familien von unserer Beziehung zu erzählen.
Vorurteile und Widerstand gegen gemischte Ehen wirken wie ein Relikt der Vergangenheit. Der frühere Premier Israels Benjamin Netanyahu bezeichnete gemischte Ehen als »stiller Holocaust«, denn sie könnten zur Vernichtung des jüdischen Volkes führen. Studien zeigen, dass in Gesellschaften, in denen es ethnische oder religiöse Konflikt gibt, gemischte Ehen als Bedrohung wahrgenommen werden. In den USA beispielsweise ist es erst seit 1967 rechtlich möglich, dass Schwarze und Weiße heiraten. Auch heute sind solche Ehen mit circa 15 Prozent eher eine Seltenheit. In Nordirland gab es vor einer Generation nur 2 Prozent katholisch-protestantische Ehen – inzwischen sind es immerhin 10 Prozent. Weil es in Israel keine Zivilehe gibt, gibt es auch keine Statistik über jüdisch-muslimische Ehen. Sie sind allerdings äußerst selten. Weil die Ehe ein rein religiöses Institut ist, ist es bis dato nicht möglich, sie im Inland zu schließen – die meisten reisen nach Zypern. 2018 wurde das Thema breit diskutiert, als die bekannte muslimische Fernsehmoderatorin Lucy Aharish und der jüdische Schauspieler Tsahi Halevi ihre Heirat ankündigten. Sie erhielten einen regelrechten Shitstorm in den sozialen Medien, auch Politiker aus den rechten und religiösen Parteien schmähten die beiden. So raunte ein Knesset-Abgeordneter, Aharish habe eine jüdische Seele verführt und Halevi sein Volk verraten. Er appellierte öffentlich an Halevi, seine Entscheidung für das jüdische Volk zu revidieren. Aharish meldete sich zu Wort und berichtete von den vielen unterstützenden Nachrichten. Besonders bewegt war sie von einer Schulaktion, als am Tag nach der Hochzeit folgender Slogan auf die Schulwand gesprayt wurde: »Mazal Tov! Egal welcher Herkunft, Religion und Geschlecht.«
In einer bestimmten Phase in Deinem Leben wirst Du mal darüber nachdenken, ob Du back to the roots möchtest und nach Israel oder Pakistan auswandern willst. Auch das wird, leider, nicht leicht. Zwar steht Dir nach dem israelischen »Rückkehrgesetz« eine Einwanderung nach Israel jederzeit problemlos zu. Du wirst gleich die israelische Staatsangehörigkeit erlangen. Aber als Sohn einer muslimischen Mutter, wird Dir das Leben dort schwer gemacht – von beiden Seiten. Ein besonders tragisches Schicksal ist das von dem jüdisch-palästinensischen Schauspieler und Friedensaktivist Juliano Mer-Chamis, der zwischen den beiden Fronten in Israel aufwuchs. Über sich selbst sagte er: »Ich bin 100 Prozent Palästinenser und 100 Prozent Jude.« 2011 wurde er in seinem von ihm gegründeten Freedom Theater im Westjordanland von einem Islamisten erschossen. Allein deine Existenz ist für viele eine Provokation – aber nicht nur in Israel. Auch in Pakistan wirst du als Sohn eines jüdischen Israeli einige Probleme haben. Pakistan gehört zu den wenigen Ländern, die Israel als Staat nicht einmal anerkennen. Ohne Scheu pflegen Politiker das Bild der reichen und machtvollen Juden, welches in der Bevölkerung auf viel Zuspruch stößt: Juden ist nicht zu trauen, sie gelten als Verräter. Aber nicht nur die Herkunft Deines Vaters wird Dir zum Verhängnis – auch der Hintergrund Deiner Mutter ist ein Problem. Deine Großeltern mussten aus Pakistan fliehen, da sie als Minderheit von anderen Muslimen verfolgt werden.
Hier wirst Du häufig »Komplimente« für Deine Herkunft bekommen, wie »Du sprichst aber gut Deutsch!« Oder man wird Dich fragen, woher Du »wirklich« kommst. Es wird auch gut gemeint sein. Doch wird damit eine Vorstellung aktiviert: Wer ist Deutsch? Wie sieht Deutschsein aus? Und wer sind die Anderen? Aber wir hoffen, dass in Deiner Generation die Haut- und Haarfarbe nicht mehr die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft über Deutsch oder Nichtdeutsch dominiert.
Und vielleicht wird dir das alles gar nicht auffallen, weil dich komplett andere Sachen interessieren. Was sind solche Identitätsfragen im Vergleich zu den großen Herausforderungen, die vor deiner Generation stehen: sei es Kriege oder Umweltkatastrophen. Eigentlich wollen wir nicht diese Eltern sein, die das Kindergroßziehen zu einem Projekt permanenter Optimierung machen, damit bloß nichts falsch läuft und deine Chancen auf einen Nobelpreis oder Oscarnominierung verspielt werden.
Auch wenn wir uns immer wieder dabei erwischen, Deine Erziehung durchzuplanen und dem Optimierungsdrang nach einer perfekten Kindheit nachzugehen, erinnern wir uns daran, dass Kinder nicht zu programmieren sind. Unsere Generation hat es weder geschafft, den Planeten zu bewahren noch den Partikularismus und Vorurteile über Andere zu überwinden. Immer noch wird die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe vor universelle Werten gestellt.
Eins haben wir von unseren Eltern gelernt: man findet sich auch mit unbequemen Entscheidungen der Kinder ab. Du wirst Deinen eigenen Weg gehen. Wir stehen hinter dir, egal wie und wo Deine Reise dich hinführt.
Saba-Nur Cheema ist als Politologin, Publizistin und Antirassismus-Trainerin tätig. Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und Autor. Gemeinsam eröffnen die beiden in der Spielzeit 2026/27 die Gesprächsreihe »Positionen und Perspektiven« am Schauspiel Frankfurt. Der Magazinbeitrag »Ein Brief an Mikal« erschien ursprünglich in dem Sammelband »anders bleiben. Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten« herausgegeben von Selma Wels im Rowohlt Verlag.
es wird wohl mehrere Jahre dauern, bis Du diesen Brief lesen kannst. Vor einem Jahr hast Du das Licht dieser Welt erblickt und jetzt interessierst Du dich eigentlich hauptsächlich für Bälle und Schaukeln. Stück für Stück entdeckst Du die Welt für Dich, lächelst bekannte und unbekannte Gesichter an, probierst aus, wo die Grenzen sind: wo die Treppe ist und der Sturz bevorsteht oder der Ventilator zu einem Klettergerüst wird und jede Sekunde auf Dich fallen kann.
Es gibt aber noch Grenzen, die Du nicht kennst. Die befinden sich vor allem in den Köpfen der Menschen. Sie fragen uns, was Du bist: muslimisch oder jüdisch? Deutsch oder israelisch? Oder gar pakistanisch? Das begann schon in deiner ersten Woche auf der Welt. Gleich bei der Beantragung der Geburtsurkunde wurden wir im Amt freundlich darauf hingewiesen, dass eine doppelte Religionszugehörigkeit - jüdisch und muslimisch - nicht gestattet ist. Wir kamen mit unseren besten Argumenten nicht weiter. Nur jüdisch oder muslimisch anzugeben, kam für uns allerdings nicht in Frage. Nach kurzer Beratung im Flur kamen wir mit einem neuen Vorschlag: Wie wäre es mit »divers« als Religionszugehörigkeit? Mit neuerlichem Kopfschütteln wurde unser progressiver Einwurf niedergeschmettert. Letztlich mussten wir Dich als »konfessionslos« eintragen lassen. Ja, die Erwachsenenwelt ist schon komisch. Alles muss eindeutig kategorisiert und benannt werden. Ich hoffe, Du siehst uns das nach, denn diese Eindeutigkeit entspricht nicht der Realität, in der Du aufwächst.
Nicht nur der Staat wird versuchen, Dich in eine Schublade zu stecken. Auch unsere eigenen Communities tun sich schwer mit Mehrdeutigkeit. Orthodoxe Juden werden Dir sagen, dass Du nicht jüdisch bist, weil das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, festlegt, dass das Jüdischsein über die Mutter weitergegeben wird. Konservative Muslime werden Dir dein Muslimsein absprechen, denn das islamische Gesetz regelt wiederum, dass das Muslimsein allein vom Vater weitergegeben wird. Nun, im umgekehrten Fall – also wäre dein Vater muslimisch und Deine Mutter jüdisch – hätten es die Communities wahrscheinlich einfacher. Lieber ein Doppelpass statt staatenlos, sozusagen.
Du sollst wissen, es ist nicht überall auf der Welt so. Vielleicht werden mal einen Familienurlaub auf die Insel Sumatra in Indonesien machen. Dort lebt eine muslimische Community, in der ähnlich wie im Judentum das Prinzip der Matrilinearität gilt. Die Minangkabau-Community gilt als die größte matriarchale Gesellschaft der Welt. Nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern auch das Eigentum und sogar der Thron in der Königsfamilie wird über die Linie der Frau weitervererbt. Diese Abweichung vom traditionellen Islam ist Fundamentalisten natürlich ein Dorn im Auge – so wird die Community auch von Salafisten auf der Insel häufig angefeindet. Auch die Festlegung des Judentums auf die mütterliche Erbfolge kann infrage gestellt werden. Dafür müssen wir allerdings eine Zeitreise machen: bis etwa 200 n.Chr. galt im Judentum das patrilineare Prinzip.
Wenn es theoretisch und praktisch auch anders funktionieren kann, warum öffnen sich nicht die Religionsgemeinden? Die liberalen Strömungen machen es schon vor. Sie erkennen Vaterjuden und Muttermuslime an. Trotzdem empfehlen sie, sich für eine Religion in der Kindererziehung zu entscheiden – während die andere nur »respektiert« werden soll. Aber: nach welchen Kriterien sollten wir entscheiden, was Du bist? Schicken wir Deine Großeltern in einen Ring? Werfen wir eine Münze? Begeben wir uns in eine endlose theologische Debatte, ob im Himmel ein Jehova oder Allah ist? Uns ist auch der »Respekt« der anderen Religion gegenüber zu wenig. Es geht uns um ein gleichberechtigtes Ausleben unserer beiden Traditionen und Kulturen. Und warum eigentlich nicht? Wieso kann in Zeiten, in denen der Staat neben männlich und weiblich diverse Geschlechtsidentititäten anerkennt, nicht auch die religiöse Identität divers sein? Viele denken, dass Identitäten nach dem ODER-Prinzip funktionieren: schwarz oder weiß, Deutsch oder Migrant, Frau oder Mann. Warum kann Identität nicht nach einem UND-Prinzip funktionieren? Wir sind Migranten und Deutsche und gläubig und säkular und Fahrradfahrer – alles zugleich. Dein Vorname ist arabisch, dein Nachname jüdisch. Die Spotify-Playlist, die wir in deinem ersten Lebensjahr hoch und runter gehört haben, besteht aus Songs auf Hebräisch, Arabisch und Urdu – von zionistischen Kinderliedern aus den 1920ern bis zu Koranversen, die Gott lobpreisen. In unserer Umgebung wurde vor Identitätskrisen gewarnt, wenn dem Kind nicht von Anbeginn eine klare religiöse Identität vermittelt wird. Andererseits wollen wir nicht, dass du in einem Religions-Disneyland aufwächst - mit einem Weihnachtsbaum, tibetischer Gebetsfahne und Ojibwa-Traumfänger. Vor Deiner Geburt fragte uns eine Freundin ernsthaft, ob wir einen Weihnachtsbaum mit Halbmond und Davidsstern-Deko im Wohnzimmer aufstellen. Ob es uns gelingt, dass Uneindeutigkeit nicht zur Beliebigkeit wird, wirst Du uns zeigen. Du wirst derjenige sein, der am Ende beurteilen kann, ob wir Dir zu viel zugemutet haben. Aber wie falsch kann es sein, ein Kind in dem Wissen zu erziehen, dass es mehr als eine richtige Religion gibt? Es ist doch immer so, dass Kinder ausbaden, was sich Eltern überlegt haben.
Widersprüche gehören zum menschlichen Wesen, und in der postmigrantischen Gesellschaft werden sie eher häufiger. Du wirst Dich nicht erinnern, aber in Deinem ersten Lebensjahr fielen Pessach und Ramadan auf dieselbe Zeit. Dann gab es Mazze zum Ramadan-Fastenbrechen. Und an Deinem ersten Chanukka, gab es die frittierten Teigbällchen mit Zuckersirup Gulab Jamun – unsere Sorge war hier nicht die interreligiöse Zusammensetzung, sondern der übermäßige Zuckergehalt.
Es wird für Dich kompliziert. Jüdisch-muslimisch zu sein, ist nicht nur ein Problem aus theologischer Sicht. Es ist allgemein bekannt, dass Juden und Muslime – global gesprochen – nicht die besten Freunde sind. Früher oder später wirst Du feststellen, dass beide zueinander Vorurteile hegen: die einen sind rückständig und im Zweifel Terroristen, die anderen gelten als reich und Drahtzieher hinter allem Übel in der Welt. In einer Umfrage gaben fast die Hälfte der befragten Juden an, Muslimen gegenüber misstrauisch zu sein, fast zwei Drittel empfinden Muslime als bedrohlich und ein Drittel hätten ungern Muslime als Nachbarn. Auch umgekehrt ist das Bild von Juden unter Muslimen nicht besser. So glauben 57 Prozent der Muslime daran, dass Juden zu viel Macht im internationalen Finanzwesen hätten. Fast 40 Prozent machen Juden für alle Kriege auf der Welt verantwortlich. Und warte mal, wenn es mal wieder zwischen Israelis und Palästinensern kracht. Spätestens dann werden auch Dir die tiefen Gräben zwischen unseren beiden Communities deutlich.
Was Du dir heute bestimmt nicht mehr vorstellen kannst: deine Großeltern auf beiden Seiten waren alles andere als begeistert, dass wir zueinander gefunden haben. Denn Muslime und Juden sind sich in einer Sache relativ einig: den Anderen wollen wir nicht in unserer Familie. Diese Vorstellung lehnen etwa dreiviertel der Juden und nahezu zwei Drittel der religiösen Muslime in den bereits erwähnten Studien ab. Daher mag es nicht überraschen, dass es uns viel Überwindung kostete, den Familien von unserer Beziehung zu erzählen.
Vorurteile und Widerstand gegen gemischte Ehen wirken wie ein Relikt der Vergangenheit. Der frühere Premier Israels Benjamin Netanyahu bezeichnete gemischte Ehen als »stiller Holocaust«, denn sie könnten zur Vernichtung des jüdischen Volkes führen. Studien zeigen, dass in Gesellschaften, in denen es ethnische oder religiöse Konflikt gibt, gemischte Ehen als Bedrohung wahrgenommen werden. In den USA beispielsweise ist es erst seit 1967 rechtlich möglich, dass Schwarze und Weiße heiraten. Auch heute sind solche Ehen mit circa 15 Prozent eher eine Seltenheit. In Nordirland gab es vor einer Generation nur 2 Prozent katholisch-protestantische Ehen – inzwischen sind es immerhin 10 Prozent. Weil es in Israel keine Zivilehe gibt, gibt es auch keine Statistik über jüdisch-muslimische Ehen. Sie sind allerdings äußerst selten. Weil die Ehe ein rein religiöses Institut ist, ist es bis dato nicht möglich, sie im Inland zu schließen – die meisten reisen nach Zypern. 2018 wurde das Thema breit diskutiert, als die bekannte muslimische Fernsehmoderatorin Lucy Aharish und der jüdische Schauspieler Tsahi Halevi ihre Heirat ankündigten. Sie erhielten einen regelrechten Shitstorm in den sozialen Medien, auch Politiker aus den rechten und religiösen Parteien schmähten die beiden. So raunte ein Knesset-Abgeordneter, Aharish habe eine jüdische Seele verführt und Halevi sein Volk verraten. Er appellierte öffentlich an Halevi, seine Entscheidung für das jüdische Volk zu revidieren. Aharish meldete sich zu Wort und berichtete von den vielen unterstützenden Nachrichten. Besonders bewegt war sie von einer Schulaktion, als am Tag nach der Hochzeit folgender Slogan auf die Schulwand gesprayt wurde: »Mazal Tov! Egal welcher Herkunft, Religion und Geschlecht.«
In einer bestimmten Phase in Deinem Leben wirst Du mal darüber nachdenken, ob Du back to the roots möchtest und nach Israel oder Pakistan auswandern willst. Auch das wird, leider, nicht leicht. Zwar steht Dir nach dem israelischen »Rückkehrgesetz« eine Einwanderung nach Israel jederzeit problemlos zu. Du wirst gleich die israelische Staatsangehörigkeit erlangen. Aber als Sohn einer muslimischen Mutter, wird Dir das Leben dort schwer gemacht – von beiden Seiten. Ein besonders tragisches Schicksal ist das von dem jüdisch-palästinensischen Schauspieler und Friedensaktivist Juliano Mer-Chamis, der zwischen den beiden Fronten in Israel aufwuchs. Über sich selbst sagte er: »Ich bin 100 Prozent Palästinenser und 100 Prozent Jude.« 2011 wurde er in seinem von ihm gegründeten Freedom Theater im Westjordanland von einem Islamisten erschossen. Allein deine Existenz ist für viele eine Provokation – aber nicht nur in Israel. Auch in Pakistan wirst du als Sohn eines jüdischen Israeli einige Probleme haben. Pakistan gehört zu den wenigen Ländern, die Israel als Staat nicht einmal anerkennen. Ohne Scheu pflegen Politiker das Bild der reichen und machtvollen Juden, welches in der Bevölkerung auf viel Zuspruch stößt: Juden ist nicht zu trauen, sie gelten als Verräter. Aber nicht nur die Herkunft Deines Vaters wird Dir zum Verhängnis – auch der Hintergrund Deiner Mutter ist ein Problem. Deine Großeltern mussten aus Pakistan fliehen, da sie als Minderheit von anderen Muslimen verfolgt werden.
Hier wirst Du häufig »Komplimente« für Deine Herkunft bekommen, wie »Du sprichst aber gut Deutsch!« Oder man wird Dich fragen, woher Du »wirklich« kommst. Es wird auch gut gemeint sein. Doch wird damit eine Vorstellung aktiviert: Wer ist Deutsch? Wie sieht Deutschsein aus? Und wer sind die Anderen? Aber wir hoffen, dass in Deiner Generation die Haut- und Haarfarbe nicht mehr die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft über Deutsch oder Nichtdeutsch dominiert.
Und vielleicht wird dir das alles gar nicht auffallen, weil dich komplett andere Sachen interessieren. Was sind solche Identitätsfragen im Vergleich zu den großen Herausforderungen, die vor deiner Generation stehen: sei es Kriege oder Umweltkatastrophen. Eigentlich wollen wir nicht diese Eltern sein, die das Kindergroßziehen zu einem Projekt permanenter Optimierung machen, damit bloß nichts falsch läuft und deine Chancen auf einen Nobelpreis oder Oscarnominierung verspielt werden.
Auch wenn wir uns immer wieder dabei erwischen, Deine Erziehung durchzuplanen und dem Optimierungsdrang nach einer perfekten Kindheit nachzugehen, erinnern wir uns daran, dass Kinder nicht zu programmieren sind. Unsere Generation hat es weder geschafft, den Planeten zu bewahren noch den Partikularismus und Vorurteile über Andere zu überwinden. Immer noch wird die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe vor universelle Werten gestellt.
Eins haben wir von unseren Eltern gelernt: man findet sich auch mit unbequemen Entscheidungen der Kinder ab. Du wirst Deinen eigenen Weg gehen. Wir stehen hinter dir, egal wie und wo Deine Reise dich hinführt.
Saba-Nur Cheema ist als Politologin, Publizistin und Antirassismus-Trainerin tätig. Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und Autor. Gemeinsam eröffnen die beiden in der Spielzeit 2026/27 die Gesprächsreihe »Positionen und Perspektiven« am Schauspiel Frankfurt. Der Magazinbeitrag »Ein Brief an Mikal« erschien ursprünglich in dem Sammelband »anders bleiben. Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten« herausgegeben von Selma Wels im Rowohlt Verlag.