Spielzeitmagazin 2022/23
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SEP
Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Regie: Jan Bosse
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Premiere: 22. September 2022


Sonja bewirtschaftet das Gut ihrer verstorbenen Mutter gemeinsam mit deren Bruder Wanja, also ihrem Onkel, der das Anwesen verwaltet und bei dem sie aufgewachsen ist. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie das Leben ihres Vaters, der als berühmter Professor der Kunstwissenschaften in der Stadt lebt und den sein Schwager Wanja verehrt. Sonja wiederum bewundert den mit ihm befreundeten Arzt und Umweltschützer Astrow, der gegen die Ignoranz und Dummheit der Menschheit vor allem verzweifelt Wodka einsetzt. Als der Professor mit seiner neuen jungen Frau Jelena zu Besuch aufs Land kommt, gerät das Leben, in dem sie sich eingerichtet haben, gründlich durcheinander. Gefrühstückt wird erst gegen Mittag, die Nacht wird zum Tag und der Alkohol fließt. Um das Chaos perfekt zu machen, verliebt sich Wanja in Jelena, die sich wiederum aber vor allem für Astrow interessiert. Die Stimmung wird explosiver, und in einer dieser Nächte lässt der Professor die Bombe platzen: Er braucht mehr Geld für sein Leben in der Stadt und will das Gut verkaufen, deren rechtmäßige Erbin eigentlich Sonja ist. Die Lebenslügen liegen plötzlich blank, alle Stützen der fragilen Konstruktion brechen zusammen. Wofür hat man sich die letzten Jahre aufgeopfert? Gibt es einen Aufbruch in eine neue, sinnvolle Zukunft?
Jan Bosse gilt als Regisseur, dem es immer wieder gelingt, klassische Stoffe mit großer Lebendigkeit, Humor und Spielfreude zu füllen und durch genaue Lesart der Texte heutige Perspektiven freizulegen. Die Figuren Tschechows sieht er als vom Leben Getriebene, die sich in Sackgassen verirren, aus denen sie voller Panik nach Auswegen suchen. Zitat Bosse: »Wer will schon gerne unglücklich sein?«

Von Jan Bosse waren zuletzt »Richard III« und »jedermann (stirbt)« am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Er arbeitet an verschiedenen großen Häusern, u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Köln, Thalia Theater Hamburg und am Deutschen Theater Berlin. Mit seinen Arbeiten war er mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Regie Jan Bosse Bühne Stéphane Laimé Kostüme Katrin Plath Musik Carolina Bigge Dramaturgie Gabriella Bußacker

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Solastalgia (UA)
von Thomas Köck
Koproduktion mit dem Kunstfest Weimar
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Premiere: 23. September 2022


2005 erfand der australische Naturphilosoph Glenn Albrecht den Begriff »Solastalgie«. Er setzt sich zusammen aus dem lateinischen Begriff für Trost (solacium) und der griechischen Wurzel (algia), die für Krankheit und Leiden steht. Anders als bei der Nostalgie, die sich auf räumlich und zeitlich entfernte Dimensionen bezieht, bezeichnet Solastalgie den Schmerz, den man im Augenblick der Erkenntnis erlebt, dass der Raum, den man bewohnt, der Ort, den man liebt, angegriffen wird. Er bezeichnet den stillen Schmerz und die Unmöglichkeit der Trauer.
Denn wo trauern wir eigentlich über diese Welt, die jetzt gerade vor unseren Augen verschwindet? Was macht dieses Wissen um dieses Verschwinden mit uns, die wir die Gletscherschmelze beobachten, die Übersäuerung der Meere, das Verstummen der Himmel und der Wälder durch das Fehlen der Vogel- und Insektenschwärme, was bedeutet diese akustische Veränderung um uns herum und wo wird diese Welt eigentlich begraben? Wo ist ihr Totem, ihr Ort der Trauer? Was, wenn es einen Ort gäbe, wo wir diese Welt beerdigen könnten? Und was, wenn der Ort, an dem wir trauern, genau der Ort ist, um den wir trauern? Der Autor und Regisseur Thomas Köck geht zusammen mit dem Musiker Andreas Spechtl auf Spurensuche nach angegriffenen Orten.

Thomas Köck wurde für seine Theatertexte mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2018 und 2019 mit dem Mülheimer Dramatikpreis und 2021 mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD in der Kategorie »Beste schauspielerische Leistung«. Ihn verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Musiker Andreas Spechtl. Unter dem Label ghostdance haben sie konzertante Readymades aufgeführt. Seit 2020 inszeniert Köck seine Texte auch selbst. Für das Schauspiel Frankfurt hat er einen neuen Text geschrieben und inszeniert hier zum ersten Mal.

Regie Thomas Köck Musik Andreas Spechtl Bühne Barbara Ehnes Kostüme Agathe MacQueen Dramaturgie Marlies Kink, Julia Weinreich

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Yo Bro
von und mit Joana Tischkau und Aljoscha Tischkau
Koproduktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm
und dem Festival Politik im Freien Theater
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Premiere: 24. September 2022


Beyoncé und Jay-Z, Prince Harry und Meghan Markle, Die Simpsons, Der Prinz von Bel Air, The Kelly Family, Hanni und Nanni, Charlie und Louise – gesellschaftliche Vorstellungen von Familie sind oftmals durch (pop)-kulturelle Repräsentationen gefestigt. Obwohl es äußerst naheliegend erscheint, dass Verwandtschaft und nahe, intime, verwandtschaftsähnliche Beziehungen auch abseits physiognomischer Gemeinsamkeiten funktionieren, erleben nicht-weiße, aber auch queere Personen immer wieder, wie ihnen diese Verbindung abgesprochen wird.
»Yo Bro« bricht gängige, normative Darstellungen von Familie, indem diesen radikalere Formen der Zusammengehörigkeit und alternative Konzepte von Gemeinschaft gegenübergestellt werden. Die Choreografin, Performerin und Theater-Künstlerin Joana Tischkau erforscht in dieser Arbeit zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Aljoscha Tischkau, der als Sozialpädagoge tätig ist, kultur- und kunstgeschichtlichen Repräsentationen von Verwandtschaftsverhältnissen. Mittels des performativen Potentials ihrer Körper kreieren sie Bilder von Ähnlich- und Andersartigkeit und erzählen so Familiengeschichte(n) neu.

Joana Tischkau (*1983 in Göttingen) ist Choreografin und Performerin. Ihr inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf den Diskursfeldern von Rassismus, Feminismus, Populärkultur und Schwarzer deutscher Identität. Künstlerisch-choreografisch verhandelt sie diese Themen zugänglich, jedoch abseits von didaktischen Ansätzen und ihrer Komplexität angemessen.

Regie Joana und Aljoscha Tischkau Bühne Carlo Siegfried Kostüme Nadine Bakota Sounddesign Frieder Blume Dramaturgie Elisabeth Hampe, Lukas Schmelmer Produktionsleitung Lisa Gehring

Eine Koproduktion von Schauspiel Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm, HAU Hebbel am Ufer, Kampnagel Hamburg, Gessnerallee Zürich und Schlachthaus Theater Bern
Gefördert durch den Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR und vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.
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Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen
Regie: Lily Sykes
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Premiere: 25. September 2022


Als Henrik Ibsen 1882 sein Drama »Ein Volksfeind« verfasste, stand er unter dem Eindruck liberalistischer Diskurse über Staat und (Volks)souverän. Nach der Vereinnahmung des Begriffs durch die Nationalsozialisten schien sich zumindest in demokratischen Staaten die Einsicht durchzusetzen, dass wir auf die Vorstellung von »Volksfeinden« gut verzichten können. Und doch erlebt der »Volksfeind« in heutigen Tagen wieder eine furchtbare Renaissance. Im Zuge der autoritären Revolte taucht der Begriff seit Jahrzehnten wieder in Reden und Schriften der Neuen Rechten auf, geistert durch die sozialen Medien, erscheint in Morddrohungen und prangt auf Transparenten der Querdenker:innen-Szene. Wirr ist »das Volk«.

Ibsens Stück hat somit heute große Aktualität – nicht, weil es Antworten liefern würde, sondern weil es modellhaft genau jene Begriffsfelder, die heute wieder zu Kampfzonen geworden sind, miteinander in Beziehung setzt. Lily Sykes erzählt die Geschichte des Arztes Thomas Stockmann, der eine Seuche heilen will und dabei scheinbar die Gemeinschaft vergiftet, als Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Freiheit aller, als Geschichte über Manipulation und Macht und Postulat einer Gesellschaft der Sorge füreinander.

Die britisch-deutsche Regisseurin Lily Sykes arbeitet an zahlreichen Theatern im In- und Ausland, unter anderem in Graz, Hannover und am Burgtheater Wien. Für ihre Inszenierung von »Stolz und Vorurteil *(*oder so)« von Isobel McArthur nach Jane Austen gewann sie 2021 den Stella-Preis. Mit »Ein Volksfeind« kehrt sie wieder nach Frankfurt zurück.

Regie Lily Sykes Bühne Thea Hoffmann-Axthelm Kostüme Jelena Miletić Musik Fabian Kalker Dramaturgie Alexander Leiffheidt

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Politik im Freien Theater
Festival
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29. September – 08. Oktober 2022


Die 11. Ausgabe des Festivals »Politik im Freien Theater« der Bundeszentrale für politische Bildung findet in Frankfurt statt! Unter dem Motto MACHT präsentiert  das Festival innovative, interdisziplinäre und genreübergreifende Theaterproduktionen aus der Freien Szene und ein vielfältiges Begleitprogramm mit Workshops, Partys, Diskussionen. Das Programm richtet sich an die ganze Stadtgesellschaft und alle Altersgruppen.
Mit der Doppelbedeutung des Begriffs MACHT stellt »Politik im Freien Theater« Akteur:innen und Aktivitäten ins Zentrum, die sich kritisch den akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen widmen. Das Festival setzt sich mit Herrschaftsverhältnissen und Verteilungsfragen in politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sphären auseinander und untersucht die vielfältigen Möglichkeiten aktiver Gestaltung von Handlungsspielräumen.

Das 11. Festival »Politik im Freien Theater« ist eine Kooperation der bpb mit dem Schauspiel Frankfurt, dem Künstlerhaus Mousonturm und der Festival-AG, einem Netzwerk der lokalen Freien Szene.

Schauspiel Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm, Naxoshalle, Gallus Theater, Offenes Haus der Kulturen und andere Orte

Der Vorverkauf startet am 07. Juli 2022.
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OKT
Burt Turrido.
An Opera (DE)
von Nature Theater of Oklahoma
Koproduktion mit dem Künstlerhaus
Mousonturm
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Premiere: 08. Oktober 2022


Ein schiffbrüchiger Mann wird kurz vor dem Ertrinken von einer schönen und geheimnisvollen Frau gerettet – vielleicht ein Phantom oder eine Meerjungfrau – die ihn auf das letzte verbliebene Stück Land der Erde bringt. Ihrer Vegetation beraubt und bevölkert von den Geistern ihrer einstigen Bewohner:innen, wird die Insel (früher bekannt als Grönland) von einem despotischen Königspaar regiert. Sie geben ihrem Schiffbrüchigen den Namen Burt Turrido und machen ihn zuerst zu ihrem Sklaven, aber weil er sich als unfähig erweist, dann doch zu ihrem Gefangenen. Da es sich jedoch um eine Oper handelt, hört die Tragödie hier noch lange nicht auf: Weitere Zutaten sind ein verhängnisvoller Sturm, eine unbefleckte Empfängnis, ein Mord, eine Dreiecksliebesgeschichte, eine Schein-Exekution, eine Geburt, eine Alien-Invasion inklusive Entführung – und die Oper ist nicht zu Ende, bevor nicht schließlich jemand auf ein Narwal-Horn gespießt wird. Das verspricht das Nature Theater of Oklahoma!

Das NATURE THEATER OF OKLAHOMA ist eine preisgekrönte New Yorker Kunst- und Performance-Gruppe unter der Leitung von Kelly Copper und Pavol Liška. Mit jedem neuen Projekt stellen sie sich und das Publikum mit Humor und Formstrenge vor eine unmögliche Herausforderung und sprengen etablierte Genres.

Text und Regie
Kelly Copper, Pavol Liška Musik Robert M. Johanson Bühne und Lichtdesign Luka Curk Kostüme Anna Sünkel Dramaturgie Marcus Dross, Katja Herlemann

 
Ein Werkauftrag im Rahmen des Festivals Frankfurter Positionen 2021, eine Initiative der BHF-Bank Stiftung.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und durch die Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst und Kulturpflege im Rahmen der Projektreihe UNLIMITED II zur Förderung exemplarischer Positionen zeitgenössischer Performing Arts.

Koproduziert von Arctic Arts Festival, Athens & Epidaurus Festival, Stadttheater Espoo, HAU Hebbel Am Ufer, Kampnagel, Noorderzon Festival of Performing Arts & Society, Wiener Festwochen, Züricher Theater Spektakel
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Der Weg des
Soldaten (UA)
nach Wolfgang Herrndorf
Klassenzimmerstück ab 15 Jahren
Studiojahr Schauspiel
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Premiere: 15. Oktober 2022


»Der Hustensaft enthielt Codein, und wir ließen die Flasche kreisen.« Auf diese Weise gestärkt, durchlaufen der anonyme Ich-Erzähler und Franco Cosic ohne größere Schwierigkeiten die Aufnahmeprüfungen der Kunstakademie. Und obwohl der Chronist Konzeptkunst neben Gitarrenmusik und Totalitarismus zu den großen Irrtümern des zwanzigsten Jahrhunderts rechnet, muss auch er zugeben, dass Francos Werk ihn erschüttert. Zusammen mit seiner spanischen Freundin Mara kreiert Franco ein Kunstwerk, das der Spur von Gewalt in der Welt nachspürt und den Titel trägt: »Der Weg des Soldaten.«
Diese Erzählung erschien in Wolfgang Herrndorfs Sammelband »Diesseits des Van-Allen-Gürtels«. Intelligent und lustig zugleich erzählt Herrndorf darin von Freundschaft und Liebe, von Dreiecksbeziehungen und Sex, von Kunst und davon, wovon Kunst erzählen kann. Herrndorf, der unter anderem durch seinen Jugendroman »Tschick« bekannt wurde, studierte selbst Malerei an der Kunstakademie in Nürnberg. Eine genaue Beobachtungsgabe, großer Humor und sprachliches Geschick durchziehen sein gesamtes Werk. Der Regisseur Martin Brüggemann bringt »Der Weg des Soldaten« als Klassenzimmerstück für Schüler:innen ab 15 Jahren auf die Bühne.

Martin Brüggemann studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Theater-Film-Medien an der Goethe-Universität Frankfurt. 2017 bis 2021 war er Regieassistent am Schauspiel Frankfurt. In der Spielzeit 2020/21 inszenierte er am Schauspiel Frankfurt »Das Fieber« von Wallace Shawn als Hörspiel.

Regie Martin Brüggemann Bühne Devin McDonough Kostüme Antonia Mahr Dramaturgie Lukas Schmelmer Box

Das Studiojahr Schauspiel wird ermöglicht durch die Aventis Foundation und die Crespo Foundation.
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Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre
Regie: Lilja Rupprecht
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Premiere: 28. Oktober 2022


Der junge Hugo ist auf der Suche – danach, etwas in seinem Leben zu bewirken, danach, mehr als die Rolle des bürgerlich-aufgeklärten jungen Mannes zu spielen. Diese Suche macht ihn zum Getriebenen. Er nimmt einen Auftragsmord an: Es geht darum, den Parteiführer der kommunistischen Bewegung, Hoederer, zu töten, der mit den konservativen Kräften verhandelt und als Verräter gilt. Gemeinsam mit seiner Frau Jessica zieht Hugo bei ihm ein. Als dessen Sekretär lernt er Hoederer als charismatischen Menschen kennen und beginnt, dessen Argumentation und Handeln nachzuvollziehen. Gleichzeitig rückt er von seinem Auftrag immer weiter ab. Erst als er vermutet, dass Hoederer und Jessica ein Verhältnis haben, bringt er diesen um. Zwei Jahre später wird er die Geschichte vor der Partei erzählen – und fordern, dass der Mord nicht aus Eifersucht, sondern aus politischen Motiven erfolgt ist.

Sartres Stück wurde 1948 uraufgeführt und ist eine Abrechnung mit Ideologien jeder Art. Lilja Rupprecht legt mit ihrer Inszenierung die Widersprüchlichkeit des Textes frei und sucht nach der Komplexität der Suchbewegungen des Lebens. Entscheidet der Mensch über das Leben – und inwiefern bestimmt ihn eine einmal getroffene Entscheidung? Wie sehr muss man sich, wie Hoederer sagt, die Hände schmutzig machen – beziehungsweise gibt es »gutes« Handeln überhaupt?

Lilja Rupprecht hat am Schauspiel Frankfurt mit ihrer Bearbeitung von Ingeborg Bachmanns »Malina« eine vielbeachtete erste Arbeit gezeigt. Sie inszeniert darüber hinaus u.a. am Deutschen Theater Berlin, am Wiener Burgtheater, am Schauspiel Hannover, am Theater Ramba Zamba Berlin sowie am Staatsschauspiel Dresden.

Regie Lilja Rupprecht Bühne Anne Ehrlich Kostüme Annelies Vanlaere Video Moritz Grewenig Musik Philipp Rohmer Dramaturgie Katrin Spira

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Unheim (UA)
von Wilke Weermann
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Premiere: 29. Oktober 2022


»Arcadia« heißt das Wohnformat der Zukunft: Ein Avantgarde-Projekt, dessen Bewohner zwar im selben Raum leben, die jeweils anderen aber mithilfe akustischer und visueller Implantate aus ihrer Wahrnehmung ausblenden lassen können. So lebt jeder »für sich«, und die kühnsten Wohnträume werden zur virtuellen Realität. Doch irgendetwas stimmt nicht im digitalen Wohnparadies. Kann auch ein Smart Home von Geistern heimgesucht werden? Ira, Ermittlerin für anormale Phänomene in post-metaphysischen Zeiten, wird mit der Austreibung des Spuks beauftragt. Doch die Wahrheit, auf die sie stößt, ist tödlich.
Wiedergänger, Nachrichten aus dem Jenseits, Erscheinungen – Wilke Weermann überträgt die Topoi der schwarzen Romantik in eine Zeit der nahen Zukunft, spielt mit den Genres und Ästhetiken von Science Fiction, Manga, Barocktheater und frühen Videospielen. Dabei beschäftigt ihn zentral die Frage nach Verlust und Endlichkeit in einer scheinbar beliebig konfigurierbaren Welt.

Der Autor und Regisseur Wilke Weermann (*1992 in Emden) schloss 2018 sein Regiestudium an der Akademie der Darstellenden Kunst Baden-Württemberg ab. Im selben Jahr erhielt er in »Theater heute« eine Nennung als Bester Nachwuchskünstler. Mit seinem Drama »Angstbeißer« gewann er 2019 das Hans-Gratzer-Stipendium. Er inszeniert u.a. am Theater Basel, Staatstheater Kassel, Schauspiel Stuttgart und am Deutschen Theater Berlin.

Regie Wilke Weermann Bühne und Kostüme Johanna Stenzel Sounddesign und Musik Constantin John Dramaturgie Alexander Leiffheidt

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NOV
Wickie und die starken
Männer
nach Runer Jonsson
Familienstück ab 6 Jahren
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Wiederaufnahme: 20. November 2022


Im kleinen Wikingerdorf Flake lebt Wickie, das Kind des Dorfhäuptlings Halvar. Wickie ist – ganz untypisch für ein Wikingerkind – klein und schmächtig und wenig draufgängerisch. Anders als die vermeintlich starken Männer will Wickie nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern benutzt ihn lieber zum Denken. Auf der Suche nach Heldentaten stürzen sich die Wikinger regelmäßig in Abenteuer in fernen Weltgegenden, aus denen sie ohne Wickies Hilfe nicht mehr herausfinden. Mit sicherem Gespür reibt sich Wickie dann die Nase, bis die Sterne fliegen, und hat auch in scheinbar ausweglosen Situationen die rettende Idee.
Die zeitlose Anti-Heldenfigur Wickie, die andere nicht das Fürchten, sondern Empathie lehrt, ist hierzulande seit Jahrzehnten bekannt und geliebt. Das Schauspiel Frankfurt zeigt eine eigene Bühnenfassung mit wilden Abenteuern für Kinder und Erwachsene.

Nach dem großen Erfolg in der letzten Spielzeit kehrt Wickie 2022/23 auf die Bühne des Schauspielhauses zurück!

Regie Robert Gerloff Bühne und Video Maximilian Lindner Kostüme Johanna Hlawica
Choreografie Zoë Knights Musik Cornelius Borgolte Dramaturgie Katja Herlemann
Licht Johannes Richter

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DEZ
Anthologie
von Jacopo Godani
die Dresden Frankfurt Dance Company
zu Gast im Schauspielhaus
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Premiere: 01. Dezember 2022


Der international renommierte Choreograf Jacopo Godani präsentiert mit seiner Dresden Frankfurt Dance Company eine beispielhafte Auswahl seiner Werke auf der Bühne des Schauspielhauses. Das Repertoire der Kompanie zeigt eine neue, pulsierende Bewegungssprache, in der Virtuosität und Ausdruck gleichwertig nebeneinanderstehen. Für die Tänzer:innen stellt das eine große Herausforderung dar, die sie jedes Mal wieder an physikalische und körperliche Grenzen führt. »Anthologie« zeigt Godanis Rolle in der Weiterentwicklung des zeitgenössischen Balletts auf. Sein choreografischer Stil zeichnet sich durch seinen Umgang mit Spitzentanz und seinen experimentellen Ansatz aus. Mit dieser Produktion debütiert die Dresden Frankfurt Dance Company auf der großen Bühne des Schauspielhauses.

Jacopo Godani ist seit 2015 Künstlerischer Leiter und Choreograf der Dresden Frankfurt Dance Company. Seine Laufbahn als Choreograf begann er 1990 mit der Gründung einer eigenen Tanzkompanie in Brüssel. Ab 1991 arbeitete er mit William Forsythe bei der choreografischen Kreation vieler charakteristischer Stücke des Ballett Frankfurt zusammen. Seither hat Godani Werke für eine Vielzahl internationaler Kompanien choreografiert, darunter das Royal Ballet, das Bayerische Staatsballett, die Compañía Nacional de Danza, das Nederlands Dans Theater und viele andere.

Choreografie, Bühne, Kostüme, Licht Jacopo Godani Musik 48nord u.a.

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Unter uns. Unsichtbar?
Fragile Verbindungen #4
Jugendperformanceprojekt von Martina
Droste und Tina Müller ab 14 Jahren
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Premiere: 09. Dezember 2022


Mitten in der Frankfurter Stadtgesellschaft lebten im Nationalsozialismus Menschen aus ganz Europa, die unter Zwang hierher gebracht worden waren. Sie mussten für die Aufrechterhaltung der NS-Kriegsmaschinerie arbeiten und waren oft die ersten Menschen aus anderen Ländern, denen Deutsche im Alltag begegneten. In den Adlerwerken im Gallus wurden 1616 unterernährte KZ-Häftlinge zur Arbeit gezwungen – viele von ihnen starben. Heimische Fabrikarbeiter:innen und Anwohner:innen verhielten sich ihnen gegenüber sehr unterschiedlich.
Das Junge Schauspiel recherchiert am neu gestalteten »Geschichtsort Adlerwerke«, wie die Zwangsarbeiter:innen hier mitten unter der deutschen Bevölkerung lebten und welche Gefühlserbschaften ihnen entgegengebracht wurden. Das diverse Ensemble sucht nach Haltungen, die heute noch fortwirken, schafft Bezüge zur Geschichte der Arbeitsmigration über die NS-Zeit hinaus, fragt nach Hierarchisierung von Privilegien, Formen unfreier Arbeit heute und wie wir uns dazu verhalten.

Das Team von »Unter uns. Unsichtbar?« besteht aus der renommierten Autorin Tina Müller und der mehrfach ausgezeichneten Regisseurin und Theaterpädagogin Martina Droste. Als Leiterin des Jungen Schauspiel Frankfurt und Feldenkrais-Lehrerin entwickelt sie seit vielen Jahren Rechercheprojekte und inklusive Theaterperformances mit Jugendlichen.
Für »Unter uns. Unsichtbar?« entwirft Michaela Kratzer das Bühnen- und Kostümbild, Max Mahlert, der als Musikpädagoge und Musiker tätig ist, komponiert die Musik und Christina Lutz, Kulturmanagerin und Musikerin, zeichnet sich für die chorische Einstudierung verantwortlich. Charakteristisch für die Arbeitsweise dieses Regieteams ist es, dass die einzelnen Komponenten aus dem Recherche- und Probenprozess heraus entstehen – stets in Zusammenarbeit mit den beteiligten Jugendlichen.

Regie Martina Droste Bühne und Kostüme Michaela Kratzer Komposition und Sounddesign Max Mahlert Fachliche Beratung Thomas Altmeyer, Gottfried Kößler Chorische Einstudierung Christina Lutz Dramaturgie Julia Weinreich Produktionsleitung Tatjana Trikić

Das Projekt wird ermöglicht durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und das Bundesministerium der Finanzen (BMF). 

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Der kleine Snack (UA)
von Nele Stuhler und Jan Koslowski
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Premiere: 22. Dezember 2022


Nach »Der alte Schinken« und »1994 – Futuro al dente« vollenden »Stuhler/Koslowski« ihre Frankfurter Essens-Trilogie mit der Mahlzeit des spätkapitalistischen Zeitalters, dem kleinen Snack! Zwischenmahlzeiten lassen tief blicken, zum Beispiel in die ihnen zugehörige Region. Zwischen einer Handvoll Erdnüsse, Canapés, Jausen, Mezedes, Tapas und dem Mitternachtskebab hat sich das Snack-Angebot in unseren Breiten erfreulicherweise stark erweitert. Viele Snacks sind dazugekommen, einige passen nicht mehr in den Zeitgeist und wieder andere erfüllen neben der Nahrungsaufnahme mittlerweile andere Funktionen. Functional Food kann genauso identitätsstiftend sein wie spaltend, meint: Die Teilhabe an Wissen über gesundes bzw. »richtiges« Essen ist heutzutage (oder war es schon immer?) strukturell klassistisch.
Und doch geht Liebe bekanntlich durch den Magen, und es gibt kaum etwas, was Menschen verlässlicher zusammenbringt, als die gemeinsam eingenommene Mahlzeit. Der rituelle Moment der Herdgemeinschaft trägt über Konflikte und Krisen hinweg, schafft neue Verbindungen und Zusammenhalt. Oder endet im Streit über Ernährungstrends, die immer auch das Menschenbild der eigenen Epoche spiegeln. Hast du noch irgendwas zum Snacken da?

Nele Stuhler und Jan Koslowski arbeiten seit 2007 sowohl als Autor:innen- und Regiekollektiv (»Stuhler/Koslowski«) als auch als enthierarchisiert arbeitendes Theaterkollektiv (als »Laien des Alltags«), meist in Zusammenarbeit mit befreundeten Künstler:innen.

Regie Nele Stuhler und Jan Koslowski Bühne Chasper Bertschinger Kostüme Svenja Gassen Choreografie Brigitte Cuvelier Dramaturgie Lukas Schmelmer

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JAN
Life is but a dream
nach »Onkelchens Traum«
von F. M. Dostojewski
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Premiere: 20. Januar 2023


Die kleine Stadt Mordasov ist in heller Aufregung: Prinz K., ein wohlhabender Gutsbesitzer, kehrt zurück. Maria Alexandrovna Moskalyova, einflussreiche und furchterregende Intrigantin, will, dass Prinz K. ihre Tochter Zina ehelicht. Dumm nur, dass es noch andere rivalisierende Heiratsvermittler:innen gibt und Zina ihren ganz eigenen Kopf hat. Als Fürst K. nach turbulenten Ereignissen stirbt, fühlt sich keiner schuldig, obwohl alle mitverantwortlich sind für seinen Tod.
Schein ist Sein in Dostojewskis »Onkelchens Traum« von 1859. Der russische Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker Michail Bachtin hat den Weltzustand in Dostojewskis Werk als »Karnevalisierung« bezeichnet. Die Karnevalszeit als berechtigter Tabubruch von festen Verhaltensmustern kann ein wichtiges Ventil in einer Gesellschaft sein: Nur was, wenn der Karneval nicht mehr endet? Was, wenn das Dionysische über alle Vernunft regiert? Was, wenn eine Gesellschaft, die sich dauerhaft der Verstellung verpflichtet, vom Größenwahn gelenkt, den eigenen Tod abschaffen will?

Barbara Bürk inszeniert u.a. am Schauspielhaus Bochum und am Schauspielhaus Hamburg, wo sie zusammen mit dem Musiker Clemens Sienknecht die Reihe »Radioshow«-Stücke entwickelt hat. Für ihre Inszenierung »Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie« wurde sie 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und 2012 für ihre Bearbeitung von »Alice im Wunderland« mit dem Theaterpreis »Der Faust« ausgezeichnet. Am Schauspiel Frankfurt hat Bürk zuletzt Irmgard Keuns »Nach Mitternacht« inszeniert.

Regie Barbara Bürk Bühne und Kostüme Anke Grot Musik Markus Reschtnefki
Dramaturgie Julia Weinreich

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10 odd emotions (UA)
von Saar Magal
Koproduktion mit der Dresden
Frankfurt Dance Company
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Premiere: 21. Januar 2023


Wie lassen sich die Gewaltformen des Antisemitismus, des Rassismus und der Kolonialisierung als miteinander verknüpfte und historisch voneinander abhängige Phänomene verstehen, ohne dabei in Relativierungen zu verfallen? Wie sprechen wir über Erinnerung und historische Verantwortung, und wie über die teils widerstreitenden, »sonderbaren« Emotionen, die beide hervorrufen? Wie entsteht der »fremde Körper«, das Ausgestoßene, Unterdrückte, aus der Mitte eines vermeintlichen »Wir«?

In dieser einzigartigen Zusammenarbeit zwischen dem Schauspiel Frankfurt und der Dresden Frankfurt Dance Company treten Schauspieler:innen aus dem Ensemble zusammen mit Tänzer:innen und freien Performer:innen auf die Bühne. Die israelische Choreografin Saar Magal entwickelt auf der Grundlage gemeinsamer Recherchen und Improvisationen ein Stück des zeitgenössischen Physical Theatre, das sich mit der Gegenwart und Genealogie von antisemitischer und rassistischer Gewalt in Deutschland auseinandersetzt und dabei Sprache, Musik, Körper und Bilder zum Tanzen bringt.

Saar Magal lebt als Choreografin zwischen Berlin, Tel Aviv und Florida. Sie erschafft Tanz-, Theater- und Opern-Performances und arbeitet dabei mit Tänzer:innen, Schauspieler:innen, Sänger:innen, Forscher:innen, bildendenden Künstler:innen und Musiker:innen. Mit »Hacking Wagner« an der Bayerischen Staatsoper dekonstruierte sie 2012 eine deutschnationale Genie-Erzählung.

Regie und Choreografie Saar Magal Bühne Magdalena Gut Bühnenbildentwurf Eva Veronica Born Kostüme Slavna Martinović Musik Omer Klein, Silvan Strauss Dramaturgie Alexander Leiffheidt

Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes
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FEB
MÄR
Die Traumnovelle
nach Arthur Schnitzler
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Premiere: 04. März 2023


»Kein Traum ist völlig Traum«, räumt der Wiener Arzt Fridolin seiner Frau Albertine gegenüber ein. Hinter dem Paar liegt einerseits das eheliche Versprechen, sich treu zu sein – und andererseits eineinhalb Tage und Nächte voller realer und surrealer, in jedem Falle aber: rauschhafter Abenteuer. Fridolin hat in einem Schloss an einer Festgesellschaft teilgenommen und wurde auf unangenehme Weise enttarnt. Seine Frau Albertine legt ihre »Tarnung« als treue Ehefrau ab und berichtet ihrem Mann von sexuellen Begierden mit anderen Männern.

Arthur Schnitzler, selbst promovierter Arzt, ist einer der prominentesten Vertreter der Wiener Moderne. »Die Traumnovelle« erschien 1926 und schafft es bis heute, anhand einer scheinbar »kleinen Begebenheit« menschliche Triebe und Abgründe auf den Plan zu rufen. Der Text richtet den Blick ins Unbewusste und bricht mit der Verquickung von Traum und Wirklichkeit die persönlichen Sicherheiten auf. »Ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens auch seine innerste Wahrheit bedeutet«, sagt Fridolin. Es bleibt die Verunsicherung, die das Menschliche ausmacht. Sigmund Freud schrieb 1922 an Schnitzler: »So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.«

Sebastian Hartmann ist freier Regisseur und leitete von 2008-2013 das Centraltheater Leipzig. Er wurde mit seinen Inszenierungen mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Frankfurt war von ihm zuletzt »Der Revisor« zu sehen.

Regie und Bühne Sebastian Hartmann Kostüme Adriana Braga Peretzki Video Tilo Baumgärtel Licht Lothar Baumgarte Dramaturgie Katrin Spira

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Balance – Zehn Versuche,
die Welt zu verstehen (UA)
Jugendperformanceprojekt von Martina Droste
und Stephanie Endter ab 14 Jahren
Kooperation mit dem Weltkulturen Museum
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Premiere: 18. März 2023


Ist die Welt noch zu heilen? Was kann »Heilung« sein? Wird dann alles ganz so wie zuvor oder anders? Eine andere Welt ist möglich. Was klingt wie ein schöner Traum, braucht die Erfahrung neuer Realitäten, alternativer Weltbilder, offener Zugänge zu dem, was Natur, Umwelt, Gesundheit, Verbundenheit oder »Sinn« sein können.
»Wie leben? Im eigenen Körper, mit der persönlichen und kollektiven Geschichte? Mit der Umwelt, der spirituellen Welt, im globalen Miteinander?« Diesen Fragen stellt sich das Weltkulturen Museum in Frankfurt mit der Ausstellung »healing. Leben im Gleichgewicht«.
Ihre vielstimmigen Perspektiven auf Heilung, Veränderung und Gleichgewicht in einem transkulturellen Austausch nutzt ein diverses Jugendensemble, um eigene Selbst- und Weltbilder zu befragen und Handlungsoptionen für einen würdevollen Umgang miteinander und der Welt zu entdecken.

Stephanie Endter ist Leiterin der Bildung und Vermittlung des Weltkulturen Museums. Nach »SWOP von•da•hier•her•dort•hin« ist »Balance – zehn Versuche, die Welt zu verstehen« die zweite Kooperation zwischen dem Weltkulturen Museum und dem Schauspiel Frankfurt.

Konzept und Regie Martina Droste und Stephanie Endter Dramaturgische Mitarbeit Tatjana Trikić Weltkulturen Museum

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Mein Lieblingstier
heißt Winter (UA)
nach Ferdinand Schmalz
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Premiere: 24. März 2023


Der Wiener Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht soll einem makabren Wunsch nachkommen. Sein Kunde Doktor Schauer ist fest entschlossen, sich zum Sterben in eine Tiefkühltruhe zu legen. Er beauftragt Franz Schlicht, den gefrorenen Körper auf eine Lichtung zu verfrachten. Zum vereinbarten Zeitpunkt ist die Tiefkühltruhe jedoch leer, und Schlicht begibt sich auf eine höchst ungewöhnliche Suche nach der Person oder Leiche. Dabei kreuzen die Tatortreinigerin Schimmelteufel, ein Ingenieur, der sich selbst eingemauert hat, und ein Ministerialrat, der Nazi-Weihnachtsschmuck sammelt, seinen Weg durch die von Sommerhitze gequälte Stadt und ihre gesellschaftlichen Milieus. Nichts weniger als einige fundamentale Erkenntnisse über die Verhältnismäßigkeit von Leben und Tod gewinnt Schlicht auf seiner selbst auferlegten Mission.
Mit dieser Uraufführung kommt nach »jedermann (stirbt)« wieder ein Stoff des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne. Der Autor nimmt uns in seinem Debütroman mit auf eine abgründige Tour im Stile eines melancholischen österreichischen Krimis, skurril, intelligent und mit der aus seinen Theaterstücken bekannten Sensibilität für Sprache und Form.

Rieke Süßkow (*1990) bewegt sich mit ihren Theaterarbeiten an der Schnittstelle zwischen Schauspiel, Choreografie, Installation und rhythmischer Komposition. Ihre Inszenierungen wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie arbeitet u.a. am Berliner Ensemble, Schauspielhaus Wien, Burgtheater Wien und zum ersten Mal am Schauspiel Frankfurt.

Regie Rieke Süßkow Bühne Marlene Lockemann Kostüme Sabrina Bosshard Dramaturgie Katja Herlemann

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APR
Macbeth
von William Shakespeare
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Premiere: 14. April 2023


Macbeth kann König werden, also muss er es werden. Für König Duncan hat Macbeth auf dem Kriegsfeld zuvor den Than von Cawdor und die Norweger besiegt. Einer Prophezeiung zufolge soll er nun selbst den Staat anführen. Seine Tyrannenherrschaft beginnt mit dem Mord an König Duncan. Um seine Macht zu festigen, verfolgt er mit seiner skrupellosen Frau Lady Macbeth einen mörderischen Plan. Plagen ihn Schuldgefühle, Angstzustände und Schlaflosigkeit, richtet ihn Lady Macbeth nach allen Registern erfolgreicher Manipulationsstrategien wieder auf. Es folgt Mord auf Mord, bis die Blutspur in den eigenen Tod von Macbeth mündet und der »europäische Nihilismus seine Geburtsstunde erlebt«, so der Schweizer Germanist Peter von Matt.

Shakespeares Tragödie ist der Urstoff aller Thriller, Macbeth und Lady Macbeth das blutrünstigste Killerliebespaar der Literaturgeschichte. Ist das genuin Böse in den auf Gewalt begründeten Machtstrukturen in einer Gesellschaft latent vorhanden? Wieviel Macbeth und Lady Macbeth steckt in uns selbst? Wie weit gehen wir in unserem Ehrgeiz um Macht und Anerkennung? Der renommierte russische Regisseur Timofej Kuljabin, der für seine präzise psychologische Figurenzeichnung bekannt ist, geht diesen Fragen nach.

Timofej Kuljabin (*1984 in Ischewsk, Sowjetunion) sorgte 2014/15 mit seiner Inszenierung von Wagners »Tannhäuser« an der Staatsoper in Nowosibirsk für weltweites Aufsehen. Das Stück wurde auf Betreiben der orthodoxen Kirche abgesetzt. In Westeuropa wurde er durch seine Regiearbeit von Tschechows »Drei Schwestern« bekannt, die er komplett in russischer Gebärdensprache inszenierte. Kuljabin inszenierte auch u.a. am Deutschen Theater Berlin, am Bolschoi-Theater in Moskau und am Schauspielhaus Zürich. »Macbeth« ist seine erste Arbeit am Schauspiel Frankfurt.

Regie Timofej Kuljabin Bühne Oleg Golovko Kostüme Vlada Pomirkovannaya Musik/Sounddesign Timofey Pastukhov Dramaturgie Olga Fedyanina, Julia Weinreich

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MAI
JUN
Das Tove-Projekt (AT)
nach Tove Ditlevsen
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Premiere: 02. Juni 2023


»Ein Mädchen kann nicht Dichterin werden«, sagt der Vater zu der jungen Tove im Kopenhagener Arbeitermilieu der 1930er Jahre. Aber auch wenn diese Frau nie in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte, so erarbeitete sie sich dennoch bereits in jungen Jahren Ruhm und Anerkennung als Schriftstellerin. Tove Ditlevsen hat mit ihrer sezierenden Prosa die Fähigkeit, einer widrigen Wirklichkeit standzuhalten. Im Leben, und wenn nicht im Leben, dann in der Literatur. Und es ist kein Zufall, dass sie gerade als Weltliteratur (wieder)entdeckt wird, weil sie mit schmerzlicher Offenheit den Kampf um künstlerische Autonomie und um eine Identität als Künstlerin, Frau und Mutter in ihren autofiktionalen Texten abbildet.

Für die Inszenierung von Ewelina Marciniak kommen die drei Bände der »Kopenhagen-Trilogie«, Tove Ditlevsens zentrales Werk, in dem sie ihr Leben rekapituliert, zusammen mit der Neuübersetzung von »Gesichter«, in der Ditlevsen die Wahrnehmungsverschiebungen einer seelisch erkrankten Frau meisterhaft erfahrbar macht, auf die Bühne. In einer Bearbeitung von Joanna Bednarczyk entsteht das Porträt einer Frau und Künstlerin, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben.

Die Regisseurin Ewelina Marciniak (*1984) wurde in ihrem Heimatland Polen sowie im deutschsprachigen Theater bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und war 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Erforschung weiblicher Perspektiven in der männerdominierten Welt des Theaters ist ihr ein zentrales Anliegen.

Regie Ewelina Marciniak Dramaturgie Katja Herlemann

Ermöglicht von der Deutschen Bank Stiftung im Rahmen der »Autor:innenförderung«
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Lena und Leonce. Ein Büchner-
fragment (UA)
von Regina Wenig
Studiojahr Schauspiel
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Premiere: 10. Juni 2023


»Ich bin so jung und die Welt ist so alt«, sagt Prinz Leonce. Er ist nach Italien geflohen, um den Plänen seines Vaters bezüglich seiner Zukunft zu entkommen. Dann kommt er wieder heim und hat tatsächlich alle Erwartungen erfüllt. Sogar übererfüllt. Sehr gerne und scheinbar aus eigenem Antrieb... Was sagt eigentlich Prinzessin Lena so alles? Und wie geht Jungsein nochmal?
Zusammen mit acht Studierenden des Studienganges Schauspiel der HfMDK unternimmt die Autorin und Regisseurin Regina Wenig, Expertin für leise Töne und dokumentarische Stücke, eine Reise, um dies in der Spielzeit 2022/23 im Rhein Main Gebiet herauszufinden. Sie begeben sich auf eine Spurensuche nach den Worten und Texten Georg Büchners: Der Autor wurde 1813 südwestlich von Darmstadt geboren, war Student in Gießen, Mitverfasser des Hessischen Landboten, Flüchtling und Weltbürger. In seinem kurzen, bewegten Leben schrieb Büchner revolutionäre (Theater-)Texte, die in Wenigs neuem Stück zu einem Sprungbrett in die Gegenwart Jugendlicher und junger Erwachsener werden.

Regina Wenig arbeitet seit 2000 als Regisseurin und Autorin. Mit dem von ihr gegründeten Performancekollektiv »wenigtheater« realisiert sie Rechercheprojekte im Frankfurter Raum. Am Schauspiel Frankfurt waren zuletzt »Patentöchter«, »Deutschland 2020. Ein Wintermärchen« und »Die Stadt, die Zeit und wir« zu sehen.

Regie Regina Wenig Bühne und Kostüme Loriana Casagrande Dramaturgie Lukas Schmelmer

Das Studiojahr Schauspiel wird ermöglicht durch die Aventis Foundation und die Crespo Foundation. Eine Koproduktion mit der Hessischen Theaterakademie.
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Theater der Welt
Festival
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29. Juni - 16. Juli 2023 


Theater der Welt, eines der angesehensten internationalen Theaterfestivals in Deutschland, kehrt nach beinahe 40 Jahren in die Region Frankfurt zurück. Zum ersten Mal wird das Festival von einer außereuropäischen Programmdirektorin geleitet, Chiaki Soma aus Tokio. Das Programm verbindet die Städte Frankfurt und Offenbach miteinander und präsentiert außergewöhnliche Theater-, Tanz- und Performance Art-Künstler:innen aus der ganzen Welt.

Theater der Welt 2023 in Frankfurt-Offenbach, ein Festival des Internationalen Theaterinstituts (ITI), wird veranstaltet von Künstlerhaus Mousonturm, Schauspiel Frankfurt und Museum Angewandte Kunst Frankfurt in Kooperation mit dem Amt für Kultur- und Sportmanagement der Stadt Offenbach am Main. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die Stadt Frankfurt am Main – Dezernat für Kultur und Wissenschaft und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot und andere Orte
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JUL
Festivals

So viel Welt wie nie

von Alexander Leiffheidt

Der Titel eines Festivals ist zugleich Verheißung und Anspruch: Einladung an das Publikum und Messlatte, an der sich die Veranstaltenden prüfen. Kaum ein Festival in Europa greift dabei so wunderbar hoch wie das 1981 vom ITI gegründete »Theater der Welt«, eines der bedeutendsten internationalen Theaterfestival Deutschlands. – Wirklich, der Welt? Der ganzen Welt?
Dem stolzen Festivaltitel liegen gleich mehrere Annahmen zugrunde, die sich trefflich hinterfragen lassen. Zum einen setzt er voraus, dass das, was man in Europa gemeinhin unter »Theater« versteht (und sind nicht schon die Unterschiede zwischen dem deutschsprachigen Theater und dem der Nachbarländer eklatant?) auch überall sonst auf unserem Planeten in reisefähiger Form anzutreffen sei. Zum anderen verwendet er den Begriff »Welt« aus einer Perspektive, die vielleicht am ehesten der einer Urlauberin gleicht: als beinahe grenzenlosen Erfahrungs- und Möglichkeitsraum, in dem es das spannende Neue, Unbekannte zu entdecken gelte. Ein Blick, der voller Neugier und Offenheit sein mag – dessen Perspektive aber zweifellos felsenfest in Europa verankert ist.
 
Zeit also für einen Perspektivwechsel. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals wird »Theater der Welt« im Jahr 2023 von einer außereuropäischen Programmdirektorin geleitet: Für die 16. Festivalausgabe, die die beiden Städte Frankfurt und Offenbach auf vielfältige Weise als einen urbanen Großraum erfahrbar machen wird, hat die japanische Festivalmacherin Chiaki Soma aus Tokio die künstlerische Verantwortung übernommen.

Theater der ganzen Welt also, demnächst zu Gast am Main? Welt ist, aus philosophischer Perspektive, der Horizont aller menschlichen Erfahrung – die Totalität alles dessen, was war, ist oder sein wird. Welt ist daher selbst nicht erfahrbar. Einen Grenzfall mögen solche Ereignisse darstellen, die zwar den einzelnen Menschen betreffen, zugleich aber globale Dimensionen aufweisen: etwa Klimakatastrophen, Weltkriege oder globale Pandemien. So gesehen gab es in den vergangenen Jahren und Monaten so viel Welt in der Welt wie lange nicht.

Chiaki Soma setzt folgerichtig bei genau dieser Erfahrung an: »Incubationism« lautet der (zusammen mit der Dramaturgin Kyoko Iwaki) entwickelte Begriff, den sie zu einer der thematischen Überschriften des Festivals erkoren hat. Gemeint ist damit die Beschreibung eines Grenzzustands in der Gegenwart, in dem das Zukünftige zugleich befürchtet und ersehnt wird. Der antike Begriff der »Inkubation« bezeichnet einen Schlaf, in dem der (erkrankte) Mensch in Kontakt tritt mit dem Mythischen – auf Heilung oder neues Leben hoffend, zugleich aber die (Fortdauer der) Symptome fürchtend. »Incubationism« ist somit ein Ausdruck für die weltweite Zäsur und die temporäre Suspendierung des globalisierten Kapitalismus, zu der die Covid-19-Pandemie in den letzten Jahren geführt hat. Wir leben, so die These, in einer Zeit der Inkubation. Wohin gehen wir, von hier aus?

Geprägt durch die Erfahrungen der Pandemie, postuliert das Team um Chiaki Soma eine »neue Ethik«, die das Konzept von »Care« – das auf »Cura« zurückgeht, lateinisch für Fürsorge, Pflege und Heilung – zu den bestehenden Fundamenten demokratischer und offener Gesellschaften hinzufügen will. Neben Wahlrecht, Presse- und Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Minderheitenrechten und weiteren demokratischen Grundlagen soll »Care« unser Verhalten zueinander, zur Umwelt sowie unser Verhältnis zu den nicht-menschlichen Lebewesen, mit denen wir diesen Planeten teilen, bestimmen. Dabei geht es um eine gesellschaftliche und politische Transformation, aber auch um individuelle Verantwortung: »Wir leben in einer Welt, in der jeder Mensch nicht nur das Recht auf Fürsorge besitzt, sondern vor allem auch die ethische Verpflichtung hat, sich an fürsorglichem Handeln zu beteiligen«, formuliert Soma.

Der Angriffskrieg der russischen Machthaber auf die Ukraine wirft ein neues, grelles Schlaglicht auf dieses Postulat. Ist es naiv, Fürsorge und Heilung zu fordern, während Raketen fliegen und unschuldige Menschen gefoltert, vertrieben, getötet werden? Ist es nicht besser, in Zeiten wie den unsrigen Waffen zu ergreifen, Abwehrkräfte zu stärken, aufzurüsten? Mag sein. Vielleicht ist aber auch dieser Eindruck eine Frage der Perspektive. Denn wenn die Forderung nach »Care« jetzt naiv ist, dann war sie es immer schon und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Der Krieg, der Europa gerade erschüttert, war und ist in anderen Regionen unseres Planeten niemals abwesend. Das Leid, das Unrecht und der Horror sind immer schon da, sobald der Blick sich nur weitet – eine simple Tatsache, die das Leiden der Menschen in der Ukraine keineswegs relativiert, sondern um eine andere Sichtweise ergänzt. Müssen wir nicht trotzdem das scheinbar Unmögliche fordern? Und ist nicht gerade dies auch Aufgabe der Kunst? Die Welt endet nicht an Europas Grenzen. Welcher Anlass wäre passender als ein Festival wie »Theater der Welt«, um diese Erfahrung zu machen.

Die digitale Plattform, auf der das Spielzeitmagazin des Schauspiel Frankfurt in diesem Jahr veröffentlicht wird, ermöglicht ein agileres Lesen, erlaubt aber auch – im Gegenzug – flexiblere Formen der Veröffentlichung. Im Laufe der kommenden Spielzeit werden daher an dieser Stelle weitere Texte, Videos und Fotos das Festival inhaltlich und anschaulich vorbereiten. Wir freuen uns auf die Zeit vor dem Festival, und auf ein spannendes, provozierendes und einladendes Festivalprogramm, das im Frühjahr 2023 veröffentlicht werden wird.
29. Juni - 16. Juli 2023
Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot und andere Orte


»Theater der Welt«, eines der angesehensten internationalen Theaterfestivals in Deutschland, kehrt nach beinahe 40 Jahren in die Region Frankfurt zurück. Zum ersten Mal wird das Festival von einer außereuropäischen Programmdirektorin geleitet, Chiaki Soma aus Tokyo. Das Programm verbindet die Städte Frankfurt und Offenbach miteinander und präsentiert außergewöhnliche Theater-, Tanz- und Performance Art Künstler:innen aus der ganzen Welt.
»Theater der Welt 2023« in Frankfurt-Offenbach ist ein Festival des Internationalen Theaterinstituts (ITI), veranstaltet von Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Schauspiel Frankfurt und Museum Angewandte Kunst Frankfurt in Kooperation mit dem Amt für Kultur- und Sportmanagement der Stadt Offenbach am Main.
Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die Stadt Frankfurt am Main – Dezernat für Kultur und Wissenschaft und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Weitere Informationen 
Theater der Welt
Das 11. Festival »Politik im Freien Theater« ist eine Kooperation der bpb mit dem Schauspiel Frankfurt, dem Künstlerhaus Mousonturm und der Festival-AG, einem Netzwerk der lokalen Freien Szene. Der Vorverkauf startet am 07. Juli 2022!
29. September – 08. Oktober 2022
Schauspiel Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm, Naxoshalle, Gallus Theater, Offenes Haus der Kulturen und weitere Orte


Die 11. Ausgabe des Festivals »Politik im Freien Theater« der Bundeszentrale für politische Bildung findet in Frankfurt statt! Unter dem Motto MACHT präsentiert das Festival innovative, interdisziplinäre und genreübergreifende Theaterproduktionen aus der Freien Szene und ein vielfältiges Begleitprogramm mit Workshops, Partys, Diskussionen. Das Programm richtet sich an die ganze Stadtgesellschaft und alle Altersgruppen.
Mit der Doppelbedeutung des Begriffs MACHT stellt »Politik im Freien Theater« Akteur:innen und Aktivitäten ins Zentrum, die sich kritisch den akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen widmen. Das Festival setzt sich mit Herrschaftsverhältnissen und Verteilungsfragen in politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sphären auseinander und untersucht die vielfältigen Möglichkeiten aktiver Gestaltung von Handlungsspielräumen.

Mit aller Macht gegen Realitäten

von Annett Gröschner

Es ist Anfang März 2022, als ich zum ersten Mal über diesen Text nachdenke. Ich sitze einen Kilometer hinter Frankfurt (»Welches Frankfurt?« – »Oder natürlich« – »Erkläre: Natürlich.«)[*] in einem Haus, in dem der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann als Kind regelmäßig aus Lübeck zu Besuch zu den Familienfeiern kam.  An der Eingangstür hängt noch ein Messingschild mit der Gravur Luhmann, aber niemand aus der Familie wohnt noch dort. 
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Es ist eine Radlerherberge, man schläft in den alten Betten und schaut sich abends die Fotoalben eines Jahrhunderts an, auch die der Jahre, in denen der junge Niklas da war und auf den Bildern, für eine kleine Verlängerung in Richtung Ewigkeit festgehalten, in kurzen Lederhosen im Garten spielt.
»Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien«, hat Niklas Luhmann viele Jahre später geschrieben, es ist sein wichtigster Satz, ein Poesiealbumsatz für Leute mit bundesrepublikanischem Abitur, man kann ihm etwas abgewinnen, man kann aber auch aus Erfahrung sagen, dass dieser Satz der Realität nicht zu jeder Zeit und in jedem Fall standhält. Mein 20-jähriges Ich würde vehement widersprechen (und auch mein 58-jähriges Ich hätte es gerne differenzierter). Damals, in Ostberlin war es das Theater, die Kunst, der Film, die Lyrik, die für das Weltwissen zuständig waren, die Medien für die Lügen und Beschönigungen. Heute lässt sich das auch für mich so fein säuberlich nicht mehr aufteilen, es sei denn, man ist ein:e sogenannte:r »Querdenker:in« und hält alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht, für Produkte von dunklen Mächten und die Realität für Fake. Mächte kommt von Macht. Macht ist das Motto des diesjährigen Festivals Politik im Freien Theater.
»Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien«, hat Niklas Luhmann viele Jahre später geschrieben, es ist sein wichtigster Satz, ein Poesiealbumsatz für Leute mit bundesrepublikanischem Abitur, man kann ihm etwas abgewinnen, man kann aber auch aus Erfahrung sagen, dass dieser Satz der Realität nicht zu jeder Zeit und in jedem Fall standhält. Mein 20-jähriges Ich würde vehement widersprechen (und auch mein 58-jähriges Ich hätte es gerne differenzierter). Damals, in Ostberlin war es das Theater, die Kunst, der Film, die Lyrik, die für das Weltwissen zuständig waren, die Medien für die Lügen und Beschönigungen. Heute lässt sich das auch für mich so fein säuberlich nicht mehr aufteilen, es sei denn, man ist ein:e sogenannte:r »Querdenker:in« und hält alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht, für Produkte von dunklen Mächten und die Realität für Fake. Mächte kommt von Macht. Macht ist das Motto des diesjährigen Festivals »Politik im freien Theater«.

Seit 1988 gibt es das von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltete Festival. Alle drei Jahre findet es in einem anderen Bundesland und in einer anderen deutschen Stadt statt. Bisherige Stationen waren Bremen, Stuttgart, Hamburg, Berlin, Köln, Dresden, Freiburg und München. Die elfte Ausgabe des zehntägigen Festivals wird nun vom 29. September bis 08. Oktober 2022 in Frankfurt (»Welches Frankfurt?« – »Am Main natürlich.« – »Erkläre: Natürlich!«) stattfinden. Das Schauspiel Frankfurt ist ein Aufführungsort neben denen der Freien Szene. An anderen Örtlichkeiten wird es, konzipiert von lokalen Akteur:innen und für ein nicht nur altersmäßig breites Publikum, ein umfangreiches Begleitprogramm geben, das sich mit den Lebenswelten des Austragungsortes auseinandersetzt.

Das Festival ist seit seiner Inauguration 1988 ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Lage. Dieses Mal auf eine besondere Weise. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals liegen zwischen dem letzten und dem diesjährigen Festival vier Jahre, eigentlich hätte die 11. Ausgabe im Herbst 2021 stattfinden sollen. Mit aller Macht hat das Coronavirus die Welt gezwungen, das öffentliche Leben und somit auch den Zugang zum Theater einzuschränken und dazu geführt, unser Leben und unseren Umgang mit dem Theater zu verändern. Ob temporär oder von Dauer ist noch nicht entschieden. In jedem Fall hat es die Produktionsbedingungen der meisten der eingereichten Produktionen aufs Heftigste beeinflusst. Viele der Produktionen konnte die Jury nur in virtueller Form sehen. Manche gab es auch nur virtuell. Die Pandemie hat nicht nur die Theater und Produktionshäuser geleert, sie hat auch bewirkt, dass sich die Stücke verändert haben. Plötzlich gab es die Möglichkeit, über innovative Formen nachzudenken und sie ernst zu nehmen, auch dank der Coronahilfen. Was auffiel: Viele Produktionen hatten einen sehr hohen Rechercheaufwand. Was aber aus der Recherche eine Kunstform macht, ist die künstlerische Verarbeitung des Recherchierten, die performative Umsetzung. Vielen Produktionen sah man den fehlenden Probenprozess und die Unmöglichkeit der angstfreien Berührungen an.

Die zehnköpfige Jury sichtete mehr als 400 Stücke, 280 davon waren über einen erstmalig stattfindenden Open Call eingereicht worden. Ausgewählt wurden unter einem weitgefassten Begriff des Politischen 13 innovative, interdisziplinäre und genreübergreifende Theaterproduktionen, fünf davon regionale. Unsere Schlüsselworte wurden nach Sichtung aller Einreichungen Globale Machtfragen, Finanzmacht, Klimawandel, Theater und Macht, Körper und Gender, Rassismus und Diskriminierung, Partizipation, Aktivismus, Empowerment, Digitalisierung und Medien.
Was niemand bei dem Begriff Macht auf dem Schirm hatte, war der Krieg. Er kam überhaupt nur in zwei der in die nähere Auswahl gekommenen Stücke als Thema vor. Das ist im Nachhinein interessant, denn er war ja nie weg, er ist uns seit dem 24. Februar nur sehr nahe auf den Pelz gerückt, absorbiert alle Kraft und Aufmerksamkeit und den bekannten Bildikonen des Kriegs täglich neue hinzu: Die von dem Angriff gezeichnete Schwangere, die aus dem Keller der Geburtsklinik in Mariupol flieht oder den Mann nahe Kiew, der tot neben seinem Beutel Kartoffeln liegt.

Auf dem Grundstück bei Frankfurt/Oder, wo ich Anfang März als Jurymitglied über Politik und Freies Theater nachdachte, ist der Krieg noch immer präsent, obwohl es schon 77 Jahre her ist, dass hier die letzte große Schlacht des 2. Weltkriegs ihren Anfang nahm. Noch immer lauert Munition im Boden, gibt es Flächen im Garten, wo nichts wächst, weil die Panzer die Erde verdichteten, liegt eine Cousine Luhmanns, die zwischen die Fronten geriet und starb, unter einem Stein neben dem Haus. Krieg verkürzt den Diskurs, Krieg »reduziert komplexe Entscheidungen schnell auf Fragen des Notwendigen und weniger Notwendigen«, so hat es Jurymitglied Janis El Bira kürzlich auf dem Theaterportal Nachtkritik beschrieben. (zum Artikel auf Nachtkritik) Die anderen Fragen sind ja nicht weg, sie werden nur dringlicher, je länger sie verdrängt werden: Wollen wir uns mit der herrschenden Realität der Ungleichheit abfinden? Wollen wir nur über den Klimawandel, der ein Kollaps sein wird, reden oder sofort handeln? Wollen wir Fake News durchwinken? Wie schaffen wir unsere coronabedingte Körperangst ab? Wollen wir immer mehr Autokraten, Diktatoren und Oligarchen in ihrer toxischen Männlichkeit die Welt unter sich aufteilen und jede Differenz zugunsten eines Rechtes des Stärkeren vernichten lassen? Und wie schaffen wir, das alles auch unter widriger werdenden Bedingungen am Theater zu verhandeln, ohne dass es nur wie ein gut gemeinter Dramaturgieeinfall aussieht? Ich weiß nicht, wie die Welt aussieht, wenn die neue Spielzeit beginnt und Sie diesen Text lesen. Ich bin keine Hellseherin, ich sehe nur Kausalitäten, ich sehe Schachzüge, die so oder so ausgehen können, und jeder Zug entscheidet über Menschenleben und auch über Theater. Die schon immer gut gebrannt haben, so gut wie Bibliotheken.

[*] Diese Sätze sind ein gespiegelter Running Gag. In dem Ost/West-Stück »Schubladen« von She She Pop (2012), in dem ich eine der ostsozialisierten Gastperformerinnen bin, sitze ich mit meiner Spielpartnerin Johanna Freiburg am Tisch und sie erzählt mir über die Lektüren, die sie als Kind überfordert haben, zum Beispiel (Zitat Johanna): »Die letzten Kinder von Schewenborn. Darin geht es um einen Atombombeneinschlag in Frankfurt.« Annett: »Stopp. Erkläre: Welches Frankfurt?« Johanna: »Frankfurt am Main, natürlich.« Annett: »Stopp. Erkläre: Natürlich?«

Annett Gröschner, 1964 in Magdeburg geboren, lebt seit 1983 in Berlin. Sie arbeitet seit 1997 freiberuflich als Schriftstellerin und Journalistin, u.a. für die Berliner Seiten der FAZ (1999-2002), den Freitag, die taz u.v.a, für Netzprojekte wie piqd.de sowie für das Radio. Sie ist Mitbegründerin und Redakteurin von 10 nach 8 bei ZEIT ONLINE, Mitbegründerin von WIR MACHEN DAS. Außerdem hat sie für das Theater geschrieben, u.a. für das HAU Berlin, das Maxim Gorki Theater, das Theater an der Parkaue und das Deutsche Theater Berlin. Seit 2012 ist sie Gastperformerin bei She She Pop. Annett Gröschner arbeitet außerdem vielfach als Dozentin, u.a. an der Universität Hildesheim, der Humboldt-Universität Berlin sowie an der UdK Berlin. Für Ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Stipendien und einige Preise. Sie ist Jurymitglied beim Festival »Politik im freien Theater«.

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